Kommt Christus in jedes Schlafzimmer? Religionsdebatte auf Puls 4

TV-Notiz Beim Thema Glaube und Sex verläuft die Kluft weniger zwischen als innerhalb der Religionen, legt die jüngste "Pro und Contra"-Diskussion nahe. Ein Pfarrer erzürnte die Runde, als er erklärte, wie Jesus Menschen zur Heterosexualität verhelfen könne.

V.l.n.r.: Hamideh Mohagheghi, Gerhard Höberth, Moderatorin Manuela Raidl, Johannes Wahala, Seyran Ates, Melisa Erkurt.
V.l.n.r.: Hamideh Mohagheghi, Gerhard Höberth, Moderatorin Manuela Raidl, Johannes Wahala, Seyran Ates, Melisa Erkurt.
V.l.n.r.: Hamideh Mohagheghi, Gerhard Höberth, Moderatorin Manuela Raidl, Johannes Wahala, Seyran Ates, Melisa Erkurt. – Puls 4

Ist Religion per se lustfeindlich? Ist die Gesellschaft übersexualisiert? Was hat die Kirche, was haben religiöse Lehren im Schlafzimmer zu suchen? Im dritten Teil der "Pro und Contra"-Sommerdiskussionsreihe über Sexualität ließ Puls 4 über das Spannungsfeld von Sex und Religion debattieren - und lud dazu Vertreter aus Christentum und Islam, die vor allem eines nahelegten: Die sexuelle Kluft verläuft nicht zwischen, vielmehr innerhalb der Religionen.

In vielen Punkten war man sich jedenfalls schnell relativ einig - etwa darin, dass institutionelle Lehren und Lebensrealität der Menschen längst auseinandergedriftet sind - beziehungsweise ließ erst gar keinen interkonfessionellen Reibepunkt aufkommen. Reibung gab es trotzdem, und zwar zwischen dem einst evangelischen, nunmehr katholischen Pfarrer Gerhard Höberth und dem Rest der Runde. Der packte das, was in den USA - mitunter ganz unironisch - als "Pray away the gay" bezeichnet (und von christlichen Organisationen beworben) wird, unter Protest der Anwesenden in weniger verfängliche, salbungsvollere Worte. Darauf angesprochen, was er als Seelsorger homosexuellen Menschen raten würde, sagte er, er würde sie zunächst einmal "zu Christus führen" wollen - "das Thema" Homosexualität wäre ihnen danach gar nicht mehr so wichtig. Später präzisierte er: "Ich bin jetzt gleich still, ich sag jetzt nur noch eines, und Sie können mich gleich alle in der Luft zerfetzen: Ich kenne berührende Lebensgeschichten von homosexuellen Menschen, die durch den Glauben davon weggekommen sind und heterosexuell geworden sind."

Keine Toleranz für die "Heilungstheorie"

"Zerfetzt" wurden seine Worte tatsächlich, auf angenehm kultiviert-diskursive Art. "Da sträubt sich so vieles in mir", sagte die deutsche Imamin und Frauenrechtlerin Seyran Ates, die kritisierte, dass Homosexualität, wenn auch unterschwellig, in vielen Religionen auf der ganzen Welt immer noch als Krankheit angesehen wird, die es durch Glaubensausübung zu heilen gelte. "Nein! Das ist die sexuelle Identität, das ist was diesen Menschen Mensch macht." Auch die aus Deutschland angereiste islamische Theologin Hamideh Mohagheghi widersprach: "Man kann den Glauben nicht damit, wie Menschen sexuell drauf sind, in Verbindung bringen." Und Johannes Wahala, der als Sexualtherapeut arbeitet, seit ihm seine Pfarre von Kardinal Schönborn weggenommen wurde, weil er sich für die Gleichstellung von Homosexuellen einsetzte, zählte Studien auf, die die "Heilungstheorie" klar widerlegen.

Von da bewegte sich die Diskussion über die Ehe für alle (Höberth: "Die Ehe ist der Plan Gottes für die meisten Menschen, nur manche können oder wollen es nicht.") über die Enttabuisierung von Sexualität (vor allem Mohagheghi plädierte dafür, Sex zu etwas zu machen, worüber man öffentlich reden kann) hin zur Frage, ob Religion bei sexuellen Entscheidungen und Aktivitäten überhaupt eine Rolle zu spielen habe.

Im christlichen Schlafzimmer

Da herrschte fast wieder Einigkeit zwischen den liberal wirkenden Religionsvertretern auf der einen und Höberth auf der anderen Seite. Fast. "Der Papst hat nichts verloren im Schlafzimmer, aber Christus hat etwas verloren in einem christlichen Schlafzimmer, in dem zwei Liebende sich in Christus sehen", sagte Höberth in einem versuchten Schlusswort - in das ihm Ates aber reinfunkte: „Bei Schwulen und Lesben auch, stellen Sie sich das mal vor!“

Die politische Diskussionssendung "Pro & Contra" auf Puls 4 widmet sich in einer Sommerreihe der körperlichen Liebe. Am 18.7. waren zu Gast:

  • Seyran Ates, Imamin und Moscheengründerin
  • Gerhard Höberth, Pfarrer, vom Protestantismus zum Katholizismus konvertiert (und verheirateter vierfacher Vater)
  • Melisa Erkurt, Chefreporterin, Biber
  • Johannes Wahala, Psychotherapeut und katholischer Priester, dem die Leitung seiner Pfarren wegen seines Engagements für Homosexuellenrechte entzogen wurde
  • Hamideh Mohagheghi, islamische Theologin, ehem. Vorsitzende der Muslimischen Akademie Deutschland

Die Sendung zum Nachsehen hier >>>

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