Weder Lorbeer noch faule Eier für Martin Kušej

Ein neuer Burgtheaterdirektor! Wie schön. Wir freuen uns auf spannende Aufführungen und seriöse-menschliche Führung.

Einem neuen Burgchef soll man weder Rosen streuen noch faule Eier nachwerfen. Das findet sich mit der Zeit. Oft kommt alles anders als man denkt. Der frühere Kulturminister Thomas Drozda, heute Bundesgeschäftsführer der SP, hat sich für Martin Kušej entschieden. Er inthronisiert gern seine „Buddys“, flüstern Boshafte mit Blick auf den neuen Staatsoperndirektor Bogdan Roščić, der 2020 Dominique Meyer ablöst.

Drozdas Personalpolitik war milde gesagt subjektiv. Aber das war bei einem seiner Vorgänger, Kunststaatssekretär Franz Morak von der ÖVP, der auch Burgschauspieler war, nicht anders. Morak kaprizierte sich früh auf Matthias Hartmann - mit den bekannten Folgen. Ob Kušej gewitzter in der Beobachtung der Buchhaltung gewesen wäre? Wer weiß. Jedenfalls hat er inzwischen in Deutschland das Handwerk des Intendanten gelernt, an einer renommierten Bühne wie dem Münchner Residenztheater.

An dieser Stelle sollte nicht vergessen werden, dass Karin Bergmann die Scherben der Finanzkrise im Burgtheater beseitigte, das Haus befriedete, einen vielfältigen Spielplan bot, der, nein, nicht langweilig war und ist. Man betrachte nur das Schlussfeuerwerk an tollen Aufführungen, das in diesen Tagen auf allen Burg-Bühnen stattfindet.

Kušej eröffnet mit den „Bakchen“ einem Stück über wilde Frauen. Fein. Seine nicht so kleine Community von Fans freut sich insbesondere auf Klassikerinszenierungen. In der Burg soll künftig Vielsprachigkeit herrschen, hat Kušej angekündigt. Da sind wir jetzt ein bisschen misstrauisch: Es ist schon schlimm genug mit dem Verfall der Sprache und der Deutlichkeit. Nicht zuletzt, weil viele Sprechtheaterschauspieler heute Filme drehen. Jetzt wollen wir gewiss nichtdas alte Pathos zurückrufen, aber wir wollen ohne Gebrüll verstehen, was vorgeht – und die Hochsprache von Klassikern ist nun einmal eine eigene Kunst. Man stelle sich einen stotternden Don Carlos vor. Eben.

Einerseits. Andererseits ist es – nicht zuletzt politisch in diesen turbulenten Zeiten vorteilhaft – wenn Theaterfreunde ihre Kultur im Burgtheater erleben und das ist eben nicht nur die deutsche Regietheater-Kunst. Auch Mexikaner, Slowenen oder Türken gehen gern ins Theater (natürlich mit den Mexikanerinnen, den Sloweninnen und den Türkinnen!). Theater muss sich wieder auf seine integrative Funktion besinnen, die es (siehe Grillparzer) in der Monarchie durchaus hatte. Österreich war ein Vielvölkerstaat, so ist es auch heute. Man übt eine gewisse Toleranz – in weiten Kreisen. Auf jeden Fall sollte es so sein.

Das Burgtheater-Ensemble wird vergrößert und verjüngt. Birgit Minichmayr, Tobias Moretti oder Bibiane Beglau (ja!) sind willkommene Stars. Die Klüfte zwischen österreichischen und deutschen Darstellern sind weniger groß als früher. Ein herber Verlust ist Joachim Meyerhoff, der an die Schaubühne in Berlin wechselt – die allerdings unter Thomas Ostermeier aufgeblüht ist und all jene Lügen straft, die glauben, dass das Schauspielpublikum schrumpft. Das Burgtheater ist sehr groß, es könnte mehr Zuschauer brauchen. Darum vor allem wird sich Kušej die nächsten Jahre kümmern müssen, die Alten, die Jungen, die Expatriats und die Neubürger, sie mögen herbei strömen. Das wird viel Arbeit sein.


[PJ0B3]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2019)

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