Kunstwerte

Hoffnung Internet

Der Zugang zum Internet scheint die perfekte Marketinglösung für junge Künstler. Doch die Qualitätsauswahl durch Galerien spielt eine wesentliche Rolle.

Das Internet scheint für viele aufstrebende Künstler die Antwort auf ihre Gebete zu sein. Denn neben Kuratoren von Institutionen waren es bisher vor allem die Galerien, die den Weg zu Künstlerkarrieren ebneten. Zwar ist die Aufnahme in einer Galerie noch kein Garant dafür, als Künstler oder Künstlerin vom Markt angenommen zu werden, aber zumindest sind die Voraussetzungen vorhanden. Das bedeutet aber auch, dass die Galerien letztlich die Macht darüber haben, wem sie wie viel Raum einräumen. Der Umstand, dass Galerien einen bestimmten Künstler oder eine Künstlerin in einer Ausstellung präsentieren, kommuniziert der Öffentlichkeit, dass diese Kunst es wert ist, gezeigt zu werden. Dadurch wird sie ästhetisch, sozial und letztlich auch finanziell legitimiert. Denn die Galerie steht für Qualität. Besonders betrifft das die Luxuslabels unter den Galerien, wie beispielsweise Gagosian oder Zwirner. Sobald ein Künstler oder eine Künstlerin dort repräsentiert wird, selbst wenn bisher noch kaum bekannt, haben sie den Stempel des Luxusguts. Ähnlich wie wenn ein buntes Seidentuch das Emblem von Hermes trägt. Dann wird das Seidentuch plötzlich zur hochpreisigen Luxusware.

Überforderung. Deshalb setzen viele junge Künstler ihre Hoffnung auf direkte Vermarktung im Internet oder via Kunstplattformen. Doch die detaillierte Recherche des Autors Tim Schneider für sein Buch „The Great Reframing. How Technology Will- and Won't - Change the Gallery System Forever“, belegt, dass der Plan der Selbstvermarktung über das Netz nicht der große Gamechanger sein wird. Das traditionelle Galeriegeschäft sei für talentierte, junge Künstler und Künstlerinnen nicht mehr die einzige Möglichkeit, an potenzielle Käufer heranzukommen, schreibt Schneider. „Aber der vermeintliche Gewinn an Demokratie wird nicht so schnell eine Veränderung bringen, wie manche hoffen“, so Schneider. Denn jetzt kann jeder mit Internetzugang um Käufer für Kunst werben. „Das Ergebnis ist eine Flut an Kunst, die den Käufer überfordert und die Unterscheidungsmerkmale nivelliert, so wie einzelne Wassertropfen, die sich in einem Meer nicht mehr voneinander unterscheiden“, schreibt Schneider. Mit anderen Worten, die Revolution und die scheinbar unbeschränkten Möglichkeiten des Internets gehen in dem Fall nach hinten los. „Denn die Gatekeeperfunktion der Galerien steht vor allem für die professionelle Vorauswahl und damit Qualität“, resümiert Schneider. Und das ist eine der wichtigsten Auswahlkriterien für nicht professionelle Kunstkäufer.

kunstwerte@diepresse.com

diepresse.com/kunstwerte

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2017)

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