Spirituelle Geisterfahrer

Ich misstraue der Psychotherapie, spätestens seit ich einen ihrer Weltkongresse besucht habe.

Im Wiener Austria Center, wo es nur so schallte und hallte vor „Spiritualität“ und „Transzendenz“, wo Schamanen raunten und Freudianer staunten. Eine der wenigen sich präsentierenden Schulen, die nicht das leere Allerweltswort „spirituell“ bemühten, war die „Professional Psychotherapeutic League of Russia“, die lieber ihren finanziell potenten Klienten eine Woche mit zwei „sexuell attraktiven“ „helpers of sexologists“ (sic!) anbot...

Ich weiß, das alles habe ich Ihnen damals, 1999, schon erzählt, aber ich muss es aufwärmen, um zu erklären, warum ich mich nicht wirklich über den umstrittenen Kongress über „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ ärgern kann, der nächste Woche in Graz stattfindet.

Nicht einmal wundern. Denn ist es ein Wunder, dass die katholische Kirche, die noch jeden halbwegs gefügigen heidnischen Brauch integriert hat, vom Weihnachtsbaum bis zum Yogakurs, jetzt auch auf den – ohnehin schon drei, vier Jahrzehnte brausenden – Psychozug aufspringt?

Einen großen Magen beweist diesmal das Opus Dei, das zwar nicht als Kongressveranstalter fungiert (dazu hat sich die Universitätsklinik bereiterklärt), dem der Kongressleiter aber angeblich nahe steht: Raphael M.Bonelli zeigt viel Integrationswillen, bringt beileibe nicht nur fundamentalistische Katholiken.

Da wird das „psychotherapeutische“ Weltmodell des indischen Philosophen Jiddu Krishnamurti präsentiert (der „für ein Beobachten ohne Beobachter plädiert“); da wird (in bequemer Kleidung) QiGong geübt; da erhalten maximal 20 Personen eine Einführung ins „Körpergebet, das aus Gebetsgebärden, kontemplativem Gehen, spirituellen Tänzen und Meditation besteht“; da spricht Rotraut Perner über „spirituelle Sexualität“, entsprechende tantrische Übungen werden allerdings nicht angeboten.

Elogen auf die Homöopathie natürlich schon, gesungen u.a. vom steirischen Arzt Hans Loibner, der dadurch auffällig geworden ist, dass er Impfungen aus Prinzip ablehnt. Über seine Beweggründe und seine Kritik am „bakteriozentrischen Weltbild“ informiert die Homepage dr.loibner.net.


Derlei Schrullen ist man ja gewohnt von Treffen der sogenannten Psychoszene. Dass diesmal ein echter Exorzist (aus der Erzdiözese Wien: Larry Hogan) dazustößt, der anhand von Beispielen den Unterschied zwischen psychotischen Störungen und dämonischen Angriffen erklären wird, verleiht der Veranstaltung freilich ein exotisches Flair.

Für den strengen römischen Touch sorgt auch der kroatische Priester/Therapeut Tomislav Ivancic, der die „Hagiotherapie“ erfunden hat, die u.a. bei „Sinnentleerung und Lasterhaftigkeit“ und bei „ererbter Neigung zu geistlichen Krankheiten“ ihre Dienste anbietet. Das Wort „geistlich“ verwendet Ivancic nicht ganz konventionell, dafür mag entschädigen, dass „die empfangene geistliche Hilfe eine dispersive Wirkung hat“.

Voraussetzung ist, so Ivancic, dass der Hagiotherapeut „eine Geisterfahrung haben muss“. Ein gutes Beispiel für ein Wort, das man nicht falsch abteilen darf! Schon gar nicht nächste Woche in der synkretistisch-spirituellen, aber wohl doch pan-katholischen Geisterbahn in der Uni Graz.


thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2007)

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