Fliegenretten in Deppendorf: Was würde Kant dazu sagen?

Til Schweiger hat für Facebook ein Insekt aus dem Swimmingpool gerettet. Das erinnert uns an eine nachhaltige Kunstaktion.

Komm her, du kleine Maus“, sagte der deutsche Schauspieler Til Schweiger zoologisch nicht ganz korrekt – und rettete mittels eines Badeschlapfens eine Wespe aus einem Swimmingpool. Das kann man auf Facebook sehen, und das hat eine Vorgeschichte, nämlich ein früheres Video aus Schweigers Urlaub. Darin sieht man, wie eine Qualle von unbekannter Hand mit einer Plastikflasche zerquetscht wird, dazu hört man eine Stimme, die nach Schweiger klingt: „Don't fuck with Til Schweiger, bitch!“

Diese in Wort und Tat raue Szene empörte etliche nicht auf Vier Pfoten beschränkte Tierfreunde. Schweiger reagierte zunächst im weichen Tonfall seiner Breisgauer Heimat („ey leude... ich war das nicht!!!“), bevor er das besagte Video mit der Wespenrettung auf Facebook stellte, um sein Image als harter, doch weichherziger Mann zu reparieren.

Bei aller Ironie, das gibt zu denken. Viele von uns kennen den unwiderstehlichen Impuls, eine Wespe oder ein anderes Insekt, das wir ansonsten jederzeit im Zorn erschlügen, aus Wassernot zu retten: Man kann das Tier einfach nicht um sein Leben strampeln sehen. Wer ihm hilft, handelt ethisch à la Arthur Schopenhauer: aus Mitleid mit einer leidenden Kreatur.

Ethiker in der Tradition Immanuel Kants haben mit der Wespenrettung weniger Freude. Denn es wäre nicht so gut, wenn es im Sinn des kategorischen Imperativs zum allgemeinen Gesetz würde, dass man Wespen aus Notlagen retten soll. Nicht nur, weil wir da alle viel zu tun hätten, sondern vor allem, weil das bestenfalls zur Folge hätte, dass man am Pool sein Cola nicht mehr in Ruhe trinken kann. (Cola light schon, das schmeckt den Wespen nicht.) Schlimmstenfalls aber könnte allgemeine und erfolgreiche Wespenrettung bewirken, dass die Tiere der Gattung Vespa überhandnehmen und binnen ein paar Generationen die Erde überschwemmen. Das kann auch der größte Tierfreund nicht wollen.

Noch eine Komplikation: Wer Insekten dauerhaft retten will, muss sie einsperren. Das taten die Bewohner von Deppendorf, einem Stadtteil von Bielefeld (der Stadt, die allen anderslautenden Gerüchten zum Trotz existiert), vor ca. zwei Jahren, angestachelt durch die Schweizer Konzeptkünstler Frank und Patrick Riklin. Die Aktion hieß „Fliegenretten in Deppendorf“, 902 Fliegen wurden in Marmeladengläsern gefangen und in ein Festzelt verbracht, wo man sie mit Milchzucker fütterte, bis sie eines natürlichen Todes starben, in einer Schachtel bestattet und mit einer Gedenktafel geehrt wurden. Hinter dieser denkwürdigen Aktion stand der Unternehmer Hans-Dietrich Reckhaus, der die Künstler eigentlich mit einem Werbekonzept für einen neuen Fliegenfänger beauftragt hatte. Doch Riklin & Riklin überzeugten ihn davon, dass man Fliegen lieber retten als töten solle – und richteten mit ihm die Aktion in Deppendorf aus, bei der ein Gewinner mit einer geretteten Fliege (die Erika genannt wurde) drei Tage in einem bayrischen Wellnesshotel verbringen durfte.

Reckhaus, vom Fliegenfeind zum -freund bekehrt, produziert mit seiner Firma weiterhin Insektizide, allerdings „ökoneutrale“, mit einem Gütezeichen namens „Insect Respect“. Es garantiert, dass „für die mit einem Produkt bekämpften Insekten eine artgerecht gestaltete Ausgleichsfläche geschaffen wurde“. Wer's nicht glaubt, soll unter www.reckhaus.com nachlesen.

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2014)

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