Neulich, nachts, im Jahr 2012

Für Warnungen ist es zu spät, die Katastrophe findet schon statt. Aber sie tut noch nicht weh.

Vor oder nach Mitternacht? Wer je dem Nachtleben frönt, weiß, dass das einen Unterschied macht. Schlag null Uhr verschwinden die Aschenputtel und -brödel aus den Lokalen, verdrängt von unruhigen Geistern, auch sonst schrumpft der Frauenanteil, manche sagen, Christian Morgenstern variierend, die Nacht selbst wechsle ihr Geschlecht und werde zum alten Nacht, den wir im Alltag – und vor Mitternacht – nur im zweiten Fall („des Nachts“) kennen.

Vor oder nach Mitternacht? Wer in einer dieser Novembernächte in der Wiener Vorstadt auf eine öffentliche Uhr blickt, liest Unentschiedenes: Beide Zeiger stehen auf zwölf = null = 24. Welch Zufall, denkt der Nachtmensch, oder: Welch Omen. Aber es ist kein Zufall: Die Zeit steht, die Würfeluhren sind stehen geblieben, eingefroren, just auf diesem seltsamen Zeitpunkt. Der Zeiger liegt nicht mehr in der Kurve, er steckt in der Kurve.

Schon wieder Silvester!, dachten wir in der letzten Würfeluhrenkrise (Anfang 2008) euphemistisch, heute lesen wir das Zeichen der Zeiger schreckhafter: Es ist nicht mehr fünf vor zwölf, nein, es ist zwölf. Für Warnungen ist es zu spät, die Katastrophe findet schon statt, genau jetzt, in diesem Moment, der kein Moment mehr ist, da die Zeit ja stillsteht, sondern eine Ewigkeit. Die Häuser stürzen ein und ein und ein und (...), das Meer kocht über und über und über und (...), die Arten sterben aus und aus und aus und (...). Dabei tut im Augenblick der Katastrophe noch keinem etwas weh. Keine Angst mehr und noch kein Schmerz, keine Prämieneinzahlungen mehr und noch keine Schadensauszahlungen, nicht einmal bei der Wiener Städtischen Versicherung, die so großspurig auf den Würfeluhren wirbt.


Immerhin, es ist noch nicht 2012, das Jahr der Katastrophe, die man jetzt im Kino sehen kann, damit man sie dann schon kennt. Obwohl man sich da nicht ganz so sicher sein kann! So prophezeit ein „renommierter Biophysiker“ namens Dieter Broers in den Schluchten des Internets (z.B. www.revolution-2012.com), „dass das Jahr 2012 einen Bewusstseinssprung von revolutionären Ausmaßen erzeugen wird, einen grundlegenden Umbruch, der die Menschen zwingen wird, neu zu erwachen und sich in einer anderen Dimension des Seins neu zu erfinden“. Hic Rhodus, hic salta!

Noch besser gefällt mir, was ich im eigentlich für „professionelles Networking“ zuständigen Internetforum www.xing.com (Unterabteilung „Bewusstseinselite“) gefunden habe: „Wer das Universum begreifen und verstehen möchte, muss sich vorher vorstehlen (sic!) können, dass dieses unendlichdimensionale Universum wie eine unendlichdimensionale Uhr funktioniert (Gravitation = Zeit).“

Das versteht auch der Wiener: Wenn auf der unendlichdimensionalen Würfeluhr alle Zeiger auf zwölf stehen, dann ist es wohl wirklich Zeit, seinen Lebenswandel zu überdenken.

Oder man zeigt sich uneinsichtig und sagt mit Peter Weibel, der 2012 auch schon 68 sein wird: „Die schönsten Strophen sind die Katastrophen.“


thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2009)

Kommentar zu Artikel:

Neulich, nachts, im Jahr 2012

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen