Trost im Frühherbst: Ein guter Mensch mehr

Die Tage werden kürzer, die Schulden werden größer, das Weltall wird kälter. Eine herbstliche Suche nach Aufmunterung.

Funktion negativ, erste Ableitung negativ, zweite Ableitung negativ: Es ist schlecht, es wird schlechter, es wird immer schneller schlechter. Das ist der Stoff, aus dem Weltuntergangsstimmungen sind.

Das Weltall ist groß und kalt, es wird immer größer und kälter, es wird immer schneller größer und kälter: Das ist die kosmologische Version, am Dienstag wurde drei Astronomen der Nobelpreis für Beobachtungen zuerkannt, die dieses grauenhafte Weltbild stützen. Das noch dazu mit dem Konzept der Dunklen Energie eine große Kränkung für uns Menschen bringt: Wir stehen nicht nur nicht im Mittelpunkt des Universums, wir sind nicht nur nicht Herren im eigenen Haus, nein, wir können vom Universum, das uns umgibt, gerade vier Prozent sehen, der Rest ist dunkel, entzieht sich der Aufklärung. Seit 13 Jahren sehen die Kosmologen das so, hoffen wir, dass sie es in 13 Jahren anders sehen.

Die Schulden sind groß, sie wachsen, sie wachsen immer schneller: Eine Rückfrage in der Wirtschaftsredaktion ergab, dass das für einige europäische Staaten, zuvorderst Griechenland, durchaus zutrifft. Schlimm.

Die Tage sind kurz, kürzer als die Nacht, sie werden immer kürzer: Das gilt für die Zeit von 23.September bis 21.Dezember, das färbt den Herbst bitter. Einen kleinen Trost spendet uns die zweite Ableitung: Die Tage werden wenigstens nicht immer schneller kürzer in dieser Zeit, nein, die Geschwindigkeit der Verschlechterung sinkt. Um Weihnachten herum ändern sich die Tageslängen am wenigsten, und ab dann wird es besser.

Bis dahin können wir an diesen wunderbaren Oktoberbeginn zurückdenken: Herbsttage wie diese sind geeignet, uns mit der Erderwärmung zu versöhnen. Es sagt ja auch niemand, dass eine Änderung des Klimas netto und im Weltdurchschnitt eine Verschlechterung bedeuten muss.

Was nicht heißt, dass sie nicht stattfindet. Er verstehe nicht, „warum der Konservative den menschengemachten Klimawandel für Panikmache von Gutmenschen und die Umweltauflagen gegenüber der Industrie für eine sozialistische Erfindung halten muss“, schreibt FAZ-Redakteur Lorenz Jäger in einem überraschenden Bekenntnis, das er so zusammenfasst: „Nicht mehr unter Rechten: Der Konservativismus hat sich selbst verraten. Er ist zu einer Ideologie der Großindustrie und der Kriegsverkäufer geworden.“

„Es war eine schöne Zeit, diese vergangenen zehn Jahre unter Rechten, ich gestehe es“, erklärt Jäger: „Vor allem aber war sie bequem. Allein schon gegen den Stachel der ,Political Correctness‘ zu löcken, konnte für den Journalisten die halbe Miete bedeuten.“ Der Titel lautet: „Adieu, Kameraden, ich bin Gutmensch.“

Willkommen im Klub, Kollege, Sie verzeihen die traute Anrede. Ich freue mich. Die Welt kann auch besser werden. Sogar im Herbst.

 

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2011)

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