„Fuck off“ ist kein Willkommensgruß

Das deutsche Seniorenmagazin „Der Spiegel“ hat mich für einen Augenblick nervös gemacht, weil es in der Titelgeschichte den Eindruck erweckt, dass es für Menschen über 30 extrem gefährlich sei, mit jüngeren Männern U-Bahn zu fahren, besonders mit jenen, die nicht den „Spiegel“ lesen können.

Sogar die beherzte „Kronen Zeitung“ fürchtete sich dann ein bisschen vor dem unreifen Gesindel, das zu aggressiv ist für den Boulevard.

Darf man heutzutage also nicht mehr ungestraft mit violettem Schal zu den Vollkoffern auf den Rapid-Platz gehen? Weil das Gegengift auch eine Bastion bürgerlicher Courage sein will, verwehren wir uns vor Panikmache. Es gibt viel Schlimmeres. (Etwa, dass man gezwungen wird, in dubioser Gesellschaft die letzte Folge der ORF-„Musical“- Show anzusehen, doch das ist eine private Phobie.)

Richtig existenzbedrohend kann es hingegen sein, wenn man heute vom Power-Duo Stermann/Grissemann zum Plausch in „Willkommen Österreich“ eingeladen wird. Am Donnerstag hatten die Beichtväter der Nation den Chefredakteur des Jugendmagazins „Vanity Fair“ zu Gast. Am Freitag war Ulf Poschardt Ex-Chefredakteur.

Zuvor hatte er eine Begegnung der unheimlichen Art. Mit dem in Late-Night-Kreisen beliebten Fluch „Fuck off, Poschi!“ schleuderte ihm eine hysterische Rapperin namens Lady Bitch Ray eine nicht näher bezeichnete Flüssigkeit ins Gesicht. Vielleicht war es überschüssiges Körpersekret. Poschardt ging ohne viel Protest ab. Jetzt ist er hackenstad. Frau Bitch hingegen zeigte neben ihrem Freizeitlook einen erstaunlichen Wortschatz.

Nun frage ich: Wäre es verwunderlich, dass ein abgebauter Hoffnungsträger des Hochglanzes auszuckte, falls er in der Berliner Stadtbahn demütigende Szenephrasen wie „Schwabo-Schwuchtel“ erlitte? Frustrierte Ex-Manager, die so lange Leute freigesetzt hatten, bis sie es selbst wurden, sind eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Hüten Sie sich vor deren Attacken. Bleiben Sie cool. Auf ein böses „Fuck off“ erwidert man am besten immer noch: „Master, how shall we fuck off?“


norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2008)

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