Wie groß war Hans Moser?

Der von Zipf bis Wien beliebte Dichter Franzobel schaut dem Volk gern aufs Maul, um artige Wortspiele zu drehen. Nun hat er sich darangemacht, ein Stück über den Volksschauspieler Hans Moser für die Josefstadt zu verfassen. Die Premiere von „Moser oder Die Passion des Wochenend-Wohnzimmergottes“ ist für Ende Februar 2010 geplant, aber allein das geschickt platzierte Gerücht, dass sich dieses innerösterreichische Drama auch mit der Nazizeit befassen werde, reicht für manche Leute dazu aus, eine heimische Lieblingsbeschäftigung zu pflegen: die vorauseilende Ablehnung, die sich zuweilen sogar zum Volkszorn steigert.

Der ist Thomas Bernhard bei „Heldenplatz“ widerfahren und Elfriede Jelinek bei jedem zeitkritischen Stück. Warum also sollte nicht auch Stefan Griebl attackiert werden, der über Moser, sich selbst und den gemeinen Österreicher an sich nachdenken will? Schlechte Komödie zu einem üblen Zweck wie ab 1938? Eine FPÖ-Funktionärin unterstellt Franzobel, dass er die Faschismuskeule schwinge, und bittet ihn, den 1964 verstorbenen Herrn Moser nicht vom Sockel zu stoßen. Aber woher weiß sie solche Details? Sollte man sich nicht erst das Stück ansehen, um herauszufinden, ob Sockel oder Keule überhaupt zu den Requisiten gehören?

Liebe Herummoserer des Dritten Lagers, das sich bereits unter Jörg Haider zu einer Gesinnungsgemeinschaft entwickelt hat, die zwar weiterhin kräftig austeilt, aber in eigener Sache geradezu süchtig nach Klage ist: Weder das künftige Drama über Moser noch der Versuch der FPÖ, diesen zu vereinnahmen, werden mich daran hindern, ihn für einen der besten Schauspieler zu halten, die dieses Land jemals hervorgebracht hat. Warum sollte man nicht auch seine Schattenseite sehen, so wie die der großen Paula Wessely? Es geht ja nicht darum, ob irgendein Provinzpolitiker schwul, bi- oder gar heterosexuell war (das ist was rein Privates), sondern um Theater, Theatergeschichte und Geschichte – also um eine echt österreichische Passion.


norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2009)

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