„Mir graut vor den Religionen“ – ein Fall für linke Zensur?

Autor Kamel Daoud äußert sich nicht mehr öffentlich, er ist angeblich „islamophob“: weil er vor dem Import islamischer Frauenbilder warnt.

Wir hatten ein Interview vereinbart, doch plötzlich, vor wenigen Tagen, war der algerische Schriftsteller Kamel Daoud nicht mehr zu erreichen, weder telefonisch noch per Mail noch per Skype. Seltsam, dachte ich mir, und schade; ich hätte gern mit diesem Mann gesprochen, der „Meursault, contre-enquête“ geschrieben hat (das soeben auf Deutsch unter dem Titel „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ erschienen ist), diesen fabelhaften Kontrapunkt zu Camus' „Der Fremde“; und mit dem so scharfen und scharfsinnigen politischen Kommentator. Warum diese schlagartige Funkstille?

In der französischen Zeitung „Le Monde“ habe ich nun die Antwort gefunden. Er werde sich nicht mehr öffentlich äußern, schreibt der 45-Jährige in der Samstagausgabe, sich nur noch der Literatur widmen. Was immer dem an Lebensplänen vorausgegangen sein mag, etwas hat die Entscheidung ausgelöst: die Reaktion auf Daouds Gastbeitrag über die Silvesternacht-Attacken in Köln, den „Le Monde“ am 5. Februar veröffentlicht hat.

Ähnlich wie kurz darauf in der „New York Times“ hat Daoud darin die „Fantasmen“ kritisiert, die dieses Ereignis im Westen ausgelöst habe, die Dämonisierung der Flüchtlinge. Aber auch ihre Verklärung. Daoud hat sich zu schreiben erlaubt, dass „die pathologische Beziehung zur Frau, die gewisse Länder der arabischen Welt haben, in Europa einbricht“. Und dass diese viel mit der Religion zu tun habe. „Das Geschlecht ist das größte Elend in der Welt Allahs“, liest man da. Der Westen vergesse, „dass der Flüchtling aus einer kulturellen Falle kommt, die vor allem seine Beziehung zu Gott und zur Frau betrifft“. Und er übersehe geringschätzig, dass der Flüchtling oder Immigrant seine Kultur nicht so leicht verhandeln werde.

Er nähre „islamophobe Fantasmen“, warfen ihm darauf 19 Akademiker in einem offenen Brief vor. Er wolle die Flüchtlinge „disziplinieren“. Werte, empören sich die Verfasser, sollen den Migranten Daoud zufolge auferlegt werden, beginnend mit dem Respekt vor den Frauen. Das laufe darauf hinaus, Flüchtlingen Aufnahmebedingungen zu stellen. Kurz: ein „skandalöses Projekt“. Sogar „kolonialen Paternalismus“ wirft man ihm vor – ausgerechnet ihm, der in seinem Roman dem von Camus' Helden ermordeten „Araber“ ein Schicksal wiedergibt.

Daoud hat die Islamisierung seines Landes miterlebt und spürt in Oran täglich ihre Auswirkungen. Aber seit Jahren werden Intellektuelle wie er im Westen mit unfassbarer Arroganz moralisch mundtot gemacht, von genau jener Linken, der religiöse Gängelung und Patriarchat ein Graus sind. Daoud zieht sich nun in die Literatur zurück. Wer weiß, ob sein Refugium sicher ist? „Ja, ich wage, es dir zu sagen, mir graut vor den Religionen“, sagt der Erzähler in „Der Fall Meursault“. Vielleicht wird das in Europa bald ein Fall für die Zensur.

anne-catherine.simon@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2016)

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