Aberglaube

Streng hüten Franzosen ihre haarsträubende Orthografie

Kolumne Französisch schreiben ist tückisch, das mussten jüngst auch „Presse“-Feuilletonisten und ihre Leser merken. Es hat mit der Renaissance zu tun.

Symbolbild: Die Kirche Saint-Eustace.
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Symbolbild: Die Kirche Saint-Eustace.
Symbolbild: Die Kirche Saint-Eustace. – (c) Imago (Florian Monheim)

Englische Liedtexte sind für „Presse“-Feuilletonisten vertrautes Terrain. Treten jedoch Charles Aznavour und Carla Bruni in Wien auf, kann es für Kritiker schwer werden, sich an sämtlichen orthografischen Fallen vorbei zu manövrieren. Leser zürnten uns zuletzt zurecht.

Und doch: Lassen Sie mich um Nachsicht für jene werben, die mit der französischen Rechtschreibung hadern (zu ihnen gehören nicht zuletzt viele österreichische Schüler). Denn das tun ja auch die Franzosen selbst. Ihre für Eleganz und Wohlklang berühmte Sprache hat eine berüchtigt komplizierte Orthografie. Sie wirkt skandalös unlogisch – weil so weit von der Aussprache entfernt.

Dabei hat sie sehr wohl ihre Logik; nur eben die von Renaissance-Gelehrten. Nachdem König François I. im 16. Jahrhundert statt des Lateins das Französische zur Amtssprache erhoben hatte, vereinheitlichte man die Schreibung. Bisher war diese mehr der Aussprache gefolgt, die Reformer gingen nun zurück zu den etymologischen Wurzeln. Nicht zu den direkten freilich, dem Vulgärlatein. Vielmehr hielten sie sich an einen in ihren Augen würdigeren Ahnen: das klassische Latein.

Die Académie française, im 17. Jahrhundert geschaffene oberste Sprachpflegerin, zementierte dann die neue Norm und nannte sie „alte Schreibung“. Am berühmten Rolandslied etwa, das um 1100 entstanden ist, kann man sehen, wie wenig diese angeblich alte mit den tatsächlichen alten Schreibgewohnheiten zu tun hat.

Damals wurde zum Beispiel aus „tens“ („Zeit“) die Schreibung „temps“ – nach dem lateinischen „tempus“. Das Wort für Mensch, „homme“, war bis dahin oft ohne h ausgekommen (dieses fehlt ja auch im italienischen „uomo“). Doch wegen „homo“ kam nun das obligatorische „h“. Nicht immer waren die Gelehrten dabei konsequent: Das Pronomen „on“ für „man“, verlor sein „h“, das es davor teilweise gehabt hatte.

Hier und da schlichen sich auch etymologische Fehler ein. So legten die Reformer für das Verb „wissen“ zunächst die Schreibung „sçavoir“ fest, strichen das „c“ aber wieder, als sie erkannten, dass sich das Wort nicht von „scire“, sondern vom spätlateinischen „sapere“ herleitet.

Schon im 16. Jahrhundert wollte der Schöpfer der ersten großen französischen Grammatik, Louis Meigret, die Rechtschreibung wieder vereinfachen. So wie er sind im Land der eifrigen Sprachhüter bis jetzt alle gescheitert. Eine Rechtschreibreform von 1990 ist bis heute nicht zwingend und wird kaum angewendet. Dem Französischen als Weltsprache hilft das nicht. Aber eines lässt sich nicht bestreiten: Es gibt der Sprache dafür den Reiz des Elitären – einer Schönheit, die sich nicht so leicht erobern lässt.

anne-catherine.simon@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2017)

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