Musik und Politik und der Nachruhm

Hanns Eisler, ein Problemfall? Er schrieb „Geschichtsmusik“ eher als Musikgeschichte.

Hanns Eisler, er ist wohl eine der verquersten Persönlichkeiten der jüngeren Musikgeschichte. Schon das Wort Musikgeschichte schreibt man im Zusammenhang mit ihm unter Vorbehalt. Geschichte, ja. Musik, natürlich auch, aber nur in direktem Zusammenhang mit Geschichte. Geschichtsmusik, sozusagen. Der Schöpfer der Hymne der DDR, Schüler Arnold Schönbergs – welcher ihn für seine politische Agitation gern „übers Knie gelegt“ hätte. Der Komponist Brechts, Schöpfer zündender Kampflieder, die die Nationalsozialisten mit neuem Text unterlegten, um zum selben Takt in die entgegengesetzte Richtung zu marschieren. Eisler zwischen den Fronten. Das ist eine andere, gefährlichere Position als jene zwischen den Stühlen, die Dylan Thomas dem Künstler als einzig förderlich erachtete.

Hanns Eisler, Sohn eines jüdischen Wiener Philosophen, aufgewachsen, zwischen einer Schwester und einem Bruder, die als kommunistische Vorkämpfer höchst unterschiedliche Wege einschlugen und sich zu Zeiten ideologisch bekämpften – im amerikanischen Exil gar in existenzgefährdendem Ausmaß. Auch da stand Hanns „dazwischen“.

Ihm waren Widersprüche recht – und wir können heute seine Musik, die er bald nur noch aus politischem Anlass schrieb, ohne diese Konnotation gar nicht verstehen. Das macht den problematischen Nachruhm des überzeugten DDR-Bürgers aus, der als Inhaber eines österreichischen Passes alle Freiheiten hatte, die den Genossen im „besseren Deutschland“ verwehrt blieben.

Musik und Politik? Ja, das sind in vielen Fällen kaum zu trennende Begriffe. Undenkbar, einen „Fidelio“ nicht als politisches Manifest zu deuten. Auch werden sich Beethovens Zeitgenossen etwas gedacht haben, als sie das erste Mal die Fünfte vernahmen, die ihnen nach schweren Kämpfen Erlösung verhieß – in Form eines französischen Revolutionsliedes! Nur, dass auch die Nachgeborenen den fanatischen Ernst dieser Musik begriffen, die sie etwas anging, auch ohne Dechiffrierung revolutionärer Konnotationen.

Ob der Musik Hanns Eislers, etwa dem Chef d'Œuvre, der „Deutschen Symphonie“ mit ihren agitatorischen Kleinkantaten inmitten, einmal solche, der Tagespolitik entwachsene, im höhern Sinne engagierte Wirkung zukommen kann; ob die Nachwelt Eisler also für einen bedeutenden Komponisten halten wird? Diese, die entscheidende Frage wird jetzt und hier nicht zu beantworten sein. Auch durch die eben eröffnete, bis 12. Juli laufende Eisler-Ausstellung im Jüdischen Museum nicht, die von Michael Haas gewohnt exzellent kuratiert, zwangsläufig wenig Aufschluss über Musik, aber unendlich viel über Zeitgeschichte gibt, über die Position des Individuums in bedrohlichen Tagen.


wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2009)

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