Das Über-sieben-Milliarden- Menschen-Völlegefühl

Es gibt ja Nebochanten, die sich das nicht vorstellen können: Wär's nicht derart widerlich, wär's regelrecht metaphysisch!

Völlegefühl. Kein Wunder bei über sieben Milliarden Menschen. Haben Sie das auch, das Über-sieben-Milliarden-Völlegefühl . . .? Und ich kann meine Vakuumglobuli nicht finden, was kein Wunder ist, denn es handelt sich – von meiner Vakuumtherapeutin bei offenen Fenstern (Vakuumdurchzug) im höchst wirksamen Verdünnungsmodus „Quinquaginta-Millesimal“ abgefüllt – um eine Applikationsform des Weniger-als-Nichts. Ich bitte Sie, so was kann schon einmal verloren gehen, oder?

Was also tun gegen mein Völlegefühl? Entschlacken sagen die einen und empfehlen ein veganisches Abführmittel (Gemüseschleim aus biodynamischen Kuhhornerden, versetzt mit potenziertem Dorschtran). Die anderen empfehlen ein energetisches Vollmondklistier, unterstützt von einem Analmantra, das, kombiniert mit der Meditation eines indischen Shiva-Mandalas von der Gestalt eines Froschafters, wahre Entleerungswunder vollbringen soll, namentlich unter auratischen Büschen auf ausgependelten, von den spirituellen Wasseradern Vorder- und Hinterindiens umflossenen Kraftorten.

Über sieben Milliarden Menschen: Es gibt ja Nebochanten, die vorgeben, sich das nicht vorstellen zu können, bitte schön, die müssen halt herumkugeln samt ihrem Völlegefühl. Aber unsereiner, der ein Vorstellungsvermögen hat und ohne Schwierigkeiten bis sieben Milliarden zählen kann, weiß, was das ist: das Über-sieben-Milliarden-Völlegefühl. Wär's nicht derart widerlich, dann wär's regelrecht metaphysisch! Ich fühle mich wie ein Ballon, dessen Radius – um eine Metapher des Nikolaus von Kues zu bemühen – sich ins Unendliche ausdehnt, sodass meine ohnehin neurasthenisch-eckigen Körperrundungen dazu tendieren, sich infinitesimal einer Zittergeraden anzunähern.

Das Ergebnis: Ich beginne, obwohl über sieben Milliarden Mal zum Platzen aufgedunsen, mich anzufühlen wie ein fadenförmiger Uterus im unendlichen All: ein zur Entleerung höchst bereiter Geburtsort neuer Multiversen. Scheußlich, oder? Deshalb brauche ich mein Fläschchen mit den Vakuumglobuli, das sich indes so gründlich verdünnisiert hat, dass ich, nach kurzer, heftiger Internetrecherche, den überbuchten Chacun-à-son-goût-Kurs im Zen-Kloster Ryuomon Ji (F-67340 Weiterswiller, 7 Rue Château d'Eau) buche, wo ich dem legendären Wanderweisheitslehrer Kom-il-Fo – eine schelmische Zen-Verballhornung des stockbürgerlichen Comme-il-faut – begegne. Er gibt mir gleich einen Rat betreffend mein Über-sieben-Milliarden-Völlegefühl: „Scheiß drauf!“

Bitte, so lehrt er, der legendäre Kom-il-Fo aus dem fernen Osten rund um Weiterswiller, gegen einen kleinen Unkostenbeitrag (400 Euro, ein Zen-Schnäppchen); und als Bonus setzt er, comme il faut, noch eine Weisheit drauf: „Chacun à son goût!“ Derart kommt's, dass ich beinahe auf die ganze Menschheit sch..., was, laut Kom-il-Fo, niemandem wehtun, dafür mein Völlegefühl ins Ätherische heben und im Übrigen die Frage beantworten würde, ob es sich nicht ohne Vakuumglobuli eine Zeit lang überleben ließe.

Nein, nein und abermals nein! Denn die französische Frühsommersonne ist derart penetrant, um nicht zu sagen: dehydrant, dass jedwede Applikation der zenbuddhistischen Rezeptur gegen die Brikettwerdung alles ohnehin schon unangenehm Verdickten höchstens einen hämorrhoidalen Effekt hätte. Da lobe ich mir die veganischen Abführmittel in mondnächtig schleimtreibenden Klistieren. Und was meine verflixten Vakuumglobuli angeht: Die werden sich ja auch nicht einfach in Luft aufgelöst haben, oder?


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2013)

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