Wie man ein Kuhhorn benützt, um geistigen Mist zu erzeugen

Dazu kann und will ich nichts sagen – außer, dass mir die Kühe leidtun, die weltweit um ihre Hörner bangen.

Die vorletzten Dinge

Letztens warf ich einen Sanftmenschen namens Karl, der unter Anhängern der Naturflüstererkirche nur „Lärche“ oder – dank freischwebender Buchstabierintuition – „Lerche“ gerufen wird, aus meiner Wohnung, nachdem er die hochzivilisierte Existenzform meines Vollmopses Paul beleidigt hatte. Freilich, den Astralleib des Hinausgeworfenen, der Pauls Verzehr von schlagobersgegupften Sachertörtchen „unnatürlich“ fand, war ich deswegen noch lange nicht los. Das alles findet mein Freund, der Trottel, dem es als neu bekehrtem Mitglied der Naturflüsterer untersagt ist, immerfort vor Begeisterung zu schreien, super. „Supersupersuper“, flüstert er mir heißatmig ins Ohr, dreimal super.

Karls lärchenlerchener Astralleib hat sich offenbar in meinem begehbaren Medikamentenschrank festgesetzt. Anders kann ich's mir nicht erklären, warum auf der Wand gegenüber meinem Notbett – dort, wo über dem Prontopax-Forte-Zäpfchen-Spender mein Notfernseher mit dem stumm geschalteten Baby-TV läuft – gleich einem Menetekel von Geisterhand ein pastellfarben leuchtendes Rezept zur Herstellung „geistigen Mists“ erscheint. Bitte, hier ist es, vielleicht können Sie es brauchen, falls Sie ein Kuhhorn besitzen:

„Man nehme ein Kuhhorn, weil es in besonders starker Weise die Strömungen nach innen sendet, stopfe Quarz, Kiesel oder Feldspat hinein und vergrabe es im Herbst einen Dreiviertel- bis eineinhalb Meter tief, weil dann, nach dem Winter, eine ungeheure Kraft an Astralischem und Ätherischem drinstecken wird. Im Frühjahr verdünne man den Inhalt mit einem halben Eimer Wasser und rühre die Flüssigkeit, sodass ein Trichter entstehe, eine Stunde lang, mit wechselnder Drehrichtung, ehe man den geistigen Mist auf die Felder ausbringe.“

Als ich meinem Freund, dem Trottel, die Schmiererei an der Wand meines begehbaren Medikamentenschranks zeige, wird sein Flüstern zu einem Wispern. Das, wispert er mir heißatmig ins Ohr, sei die Demetermethode, die allen Naturflüsterern praktisch heilig sei, abgesehen davon, dass sie sich bereits weltweit ausgebreitet habe.

Dazu kann und will ich nichts sagen, außer erstens, dass mir die Kühe leidtun, die weltweit um ihre Hörner bangen müssen, und zweitens, dass ich nicht länger mit dem geistigen Mist an meiner Wand behelligt werden möchte. Er möge mir den lerchenlärchenen Astralleib Karls vom Leib schaffen, dränge ich meinen Freund, den Trottel, in seiner Eigenschaft als naturflüsternder Neophyte.

Es gelingt ihm nach anfangs stümperhaftem Bemühen, und zwar, wie er mir heißatmig ins Ohr fistelt, indem er einige Zeilen aus dem Lehrgedicht „Steiner“ des viel zu früh reinkarnierten Robert Gernhardt eurythmisiert. Keine leicht zu tanzende Aufgabe, denn die spröden Verse lauten: „Rilke sprach zu Rudolf Steiner: / ,Keiner ist so klein wie meiner!‘ / Tröstend meinte Steiner: ,Rainer, / meiner ist noch etwas kleiner!‘“

Daraufhin wird der Spuk klein und kleiner, trotzdem muss ich mir, um mich zu beruhigen, eine Klinikpackung Prontopax-Forte-Zäpfchen applizieren, rektal und oral, das ist kein Lärcherl (oder Lercherl?). Erst dann kommt es mir total egal vor, ob die Lerchen Lärchen oder die Lärchen Lerchen sind.

Mein Freund, der Trottel, haucht mir heißatmig ins Ohr, ich sei auf dem besten Weg, ein Naturflüsterer zu werden. Vom Standpunkt des Geistewigen aus sei es nämlich getanzt wie gesungen, gehupft wie gesprungen, ob sich die Lerchen mit „ä“ oder die „Lärchen“ mit „e“ schrieben. Also, ich weiß nicht recht ...


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2011)

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