Die Nazca-Linien und die dritte Landebahn von Schwechat

Gastkommentar. In ferner Zukunft werden sich ArchäologInnen fragen, warum östlich von Wien sinnlose Monsterbahnen gebaut worden sind.

Die Nazca-Linien sind riesige Scharrbilder (sogenannte Geoglyphen) in der Atacama-Wüste in Peru. Die Nazca-Ebene zeigt auf einer Fläche von 500 Quadratkilometern schnurgerade, bis zu 20 Kilometer lange Linien, Dreiecke und trapezförmige Flächen sowie Figuren mit einer Größe von zehn bis mehreren hundert Metern, zum Beispiel Abbilder von Menschen. Durch die enorme Größe sind die Formen nur aus großer Entfernung zu erkennen, zum Beispiel aus Flugzeugen.

Seit die Bodenbilder 1926 bei einem Überflug wiederentdeckt wurden, versuchten sich mehr oder minder seriöse WissenschaftlerInnen an einer Deutung der monumentalen Bodenmuster.

Berühmt-berüchtigt wurden vor allem die Theorien des Erfolgsautors Erich von Däniken, der dazu fantastische Ufo-Theorien entwickelt hat.


Unvorhersehbare Flugbranche

Und der Konnex zur dritten Piste für den Flughafen Schwechat? Es ist die Frage nach dem Sinn der monumentalen Investition. Ich lasse dafür zunächst meine ökologisch-grüne Grundhaltung außer Acht und versuche eine Beurteilung als Ökonomin, die keine unwesentlichen Erfahrungen in der Transportwissenschaft sammeln durfte.

Bis etwa zum Ende des vergangenen Jahrhunderts war die Entwicklung der zivilen Luftfahrt und der AkteurInnen einigermaßen prognostizierbar. In den vergangenen Jahren sind alle für den Flugverkehr wichtigen Parameter derart in Bewegung gekommen, dass Zukunftsszenarien mit großer Unsicherheit behaftet sind.

Die Märkte schlagen Kapriolen; das reicht von politischen Verwerfungen bis hin zu den Auswirkungen von Peak Oil, von wirtschaftlichen Turbulenzen der Airlines bis zu den Auswirkungen von Aktien- und Währungskrisen, von Protesten der AnrainerInnen über Fluglärm bis hin zu den Auswirkungen der verschärften Anti-Terror-Regeln der Staatengemeinschaft.

Zuverlässige Prognosen über einen Zeitraum, der für die Amortisierung einer Milliarden-Euro-Investition wie der dritten Piste nötig wären, sind schlicht und ergreifend nicht möglich.


Keine ökonomische Notwendigkeit

Trotz dieser extremen Unsicherheit könnte es Gründe geben, die eine Investition dennoch ratsam erscheinen zu lassen, insbesondere dann, wenn es im Falle von Kapazitätssteigerungen keine andere Möglichkeit gibt, den zusätzlichen Bedarf abzudecken und (!) wenn dann zumindest durch intelligente Gestaltung von Verträgen und Bindungen versucht würde, die faktischen Risken wirtschaftlich etwas abzufedern. Sind diese Voraussetzungen in concreto erfüllt?

Die Antwort ist klar: Nein!

Erstens ist die dritte Piste bei einer durchschnittlichen Betrachtung der Flugbewegungen nicht nötig. Es geht vielmehr um die Abdeckung einer Spitzennachfrage; die Auslegung der Verkehrsinfrastruktur nach den absoluten Spitzenwerten (oder darüber hinaus) ist nie sinnvoll. Alsbald entsteht so nämlich ein Problem der Minderauslastung außerhalb der Spitzen und der korrespondierenden „Leerkosten“. Andererseits wird auf diese Weise geradezu ein Sog erzeugt, der Auslastung um jeden Preis verlangt, also auch wirtschaftlich (und ökologisch) absolut fragwürdige Mehrleistungen (unter Umständen zu Dumping-Konditionen!).


Keine Kooperationsbereitschaft

Zweitens wurde der Möglichkeit der Aufteilung von Verkehren mit benachbarten Airports, insbesondere mit Bratislava, nicht mit Nachdruck nachgegangen. Haben die Flughafen-Leitungsgremien ernsthaft versucht, die politische Verhandlungsmacht, über die die Eigentümer verfügen, im Sinne einer fairen Partnerschaft zu aktivieren?

Wieder lautet die eindeutige Antwort: Nein!

Welchen Sinn hat öffentliches Eigentum, wenn es nicht im Sinne von volkswirtschaftlich und europäisch sinnvollen Lösungen nutzbar gemacht wird? Dass die SteuerzahlerInnen immer nur die Flops der betriebswirtschaftlich völlig losgelöst agierenden Schrebergarten-Manager (ich wähle bewusst die männliche Form!) ausbaden dürfen, ist – gelinde gesagt – sehr ärgerlich.


Keine langfristigen Verträge

Drittens liegen offenbar keine langfristigen Verträge mit den AUA/Tyrolean-Verbündeten, insbesondere mit Lufthansa, vor. Das erachte ich als kapitales Versäumnis: Eine allfällige Großinvestition wurde nicht einmal mit einer zugesicherten Grundauslastung durch die hier beheimateten Airlines und ihre Teilhaberinnen paktiert.

Tja, und damit wären wir wieder bei den Nazcas: ArchäologInnen in ferner Zukunft werden rätseln, warum im Osten von Wien wirtschaftlich sinnlose Monsterbahnen durch die ohnehin schon überstrapazierte Landschaft gezogen wurden.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Person

Madeleine Petrovic ist Landessprecherin der niederösterreichischen Grünen sowie Präsidentin des Wiener Tierschutzvereins. Die Tochter eines Spediteurs und studierte Juristin und Betriebswirtin war von 1994 bis 1996 Bundessprecherin der Grünen. Bei der letzten Landtagswahl in Niederösterreich 2008 fielen die Grünen unter Petrovics Führung von 7,2 auf 6,9 Prozent zurück.

Zum Thema: Die niederösterreichische Landesregierung hat am Freitag die Bewilligung für den Bau einer dritten Start- und Landepiste auf dem Flughafen Schwechat veröffentlicht. Alle inhaltlichen Einwendungen wurden in der Umweltverträglichkeitsprüfung abgelehnt. [APA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2012)

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