Verzauberung reloaded: Wie sich Alpbach neu erfindet

Replik. Entgegen aller Kritik: Das Forum Alpbach erlebt einen Umbruch – hin zum wahren Spiegelbild des facettenreichen Europas.

Verstaubtheit, Konservativismus und Bedeutungslosigkeit: Das „Dorf der Denker“ ist derartigen Vorwürfen häufig ausgesetzt. Immer öfter auch nur, um festgefahrene Meinungen über das Bergdorf zu bedienen.

Es mag sein, dass manche Teilnehmer auf den Terrassen der Nobelhotels die Nobelpreisträger im Kongresszentrum und die Forscher in den Arbeitskreisen vergessen. Und trotzdem ist das irrelevant. Das Forum Alpbach ist mehr als die Summe intellektuell überforderter Jungfunktionäre. Es ist die einzigartige Möglichkeit, beeindruckende Persönlichkeiten aller akademischen Himmelsrichtungen zu hören, sie im intellektuellen Austausch mit Gleich- und Andersgesinnten zu erleben und im kleinen Rahmen des „Kamingesprächs“ persönlich und intensiver zu befragen. Die 728 Stipendiaten am Forum aus 47 Ländern nehmen sie gerne und mit Enthusiasmus wahr; sie analysieren Augenscheinliches, debattieren alternative Lösungsansätze und diskutieren rund um die Uhr und bis tief in die Nacht, ohne jegliche Denkverbote.

Im Übrigen hat Selbstdarstellung im Alpbachtal weniger Raum als angenommen. Diversität, nicht Konformität, lässt auffallen. Wer hier nur mit der Masse schwimmt, kann nicht profitieren. Alpbach revanchiert sich gerade für Individualismus, frische Inputs, neue Ideen und Engagement mit Aufmerksamkeit und intellektuell befriedigendem Austausch.

Nach Wiederbelebung und Öffnung durch Erhard Busek stehen Franz Fischler nun alle Wege offen, Alpbach zu neuer, welt- und europaweiter Relevanz zu führen. Bereits jetzt zeigte er durch den neuen Geschäftsführer Philippe Narval, einen 35-jährigen Oxford-Absolventen mit NGO-Erfahrung, und der stärkeren Einbindung der über 35 studentischen Initiativgruppen und Klubs aus ganz Europa nicht nur den Willen zur Erneuerung, sondern auch die Kraft zur Umsetzung. Neben Caspar Einem und Claus Raidl unterstützen auch Sonja Puntscher-Riekman und Ursula Schmidt-Erfurth, zwei angesehene Forscherinnen, das Team der Vize-PräsidentInnen. Alle vier bringen nicht nur Kompetenz und Ambitionen an den Tisch, um das Forum weiterzuentwickeln, sondern sind in erster Linie Alpbacher aus Leidenschaft.

 

Kritik ist erwünscht

Wer sich auf das Forum einlässt, merkt, dass Kritik erwünscht ist, ankommt und auch schnellstmöglich in neue Planungen einfließt. Als Vertreterin der Initiativgruppe, die letzte Woche Christoph Leitl aktivistisch inspirierte, seinen Podiumsplatz dem jungen Alpbach zu überlassen, kann ich bestätigen, dass sowohl Teilnehmer und Dorfbewohner positiv reagierten als auch die Forumsleitung selbst.

Die Köpfe, die das Europäische Forum Alpbach ausmachen, leben dessen Prinzipien: Dazu gehört ein ständiger Prozess der Erneuerung. Und am Ende dieser Erneuerung werden nicht nur intellektueller, interdisziplinärer Austausch stehen, sondern auch eine Vielfalt von Teilnehmern, Vortragenden und Entscheidungsträgern und aneinander wachsenden Ideen. All das frei nach dem Modus, den man sich für die in Alpbach oft angestrebten Vereinigten Staaten von Europa vorstellt: geeinigt in Vielfalt.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Claudia Gamon,stellvertretende Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen (JuLis), nimmt heuer zum dritten Mal am Forum Alpbach teil und ist Vize-Präsidentin der Initiativgruppe Alpbach Wien. Die 23-jährige Vorarlbergerin studiert Internationales Management an der WU Wien. [APA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2012)

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