Wo statt Aktien Wähleranteile gehandelt werden

Prognosemärkte haben auch dieses Mal wieder den Ausgang der amerikanischen Wahlen präziser vorausgesehen als Umfragen.

Wenn man den Meinungsumfragen geglaubt hat, war das Rennen um die US-Präsidentschaft bis zuletzt sehr knapp. Freilich, am Ende siegte Amtsinhaber Barack Obama doch ziemlich deutlich. Den Verlauf der Wahlen und ihr Ergebnis haben Händler an den Prognosemärkten jedenfalls erneut besser vorausgesehen als die Umfrageinstitute. Die Siegeschancen für den republikanischen Herausforderer Mitt Romney etwa schätzten die Prognosemärkte auf lediglich 30Prozent.

Unvorhersehbare Ereignisse in den Wochen vor einer Wahl können nach der Lehre der Demoskopie das Ergebnis noch entscheidend beeinflussen. Auch in Österreich glauben viele Beobachter und Journalisten, dass der Wirbelsturm Sandy die Wahlen ähnlich entschieden hat wie beispielsweise das „Jahrhunderthochwasser“ im Sommer 2002 in Deutschland.

 

Kaum Einfluss durch Sandy

Amtsinhaber Gerhard Schröder (SPD) triumphierte damals dank seines Krisenmanagements über den bereits als sicherer Sieger geltenden Herausforderer Edmund Stoiber (CSU/CSU).

Die Vorhersagen der Prognosemärkte dagegen zeichneten bei diesem US-Präsidentschaftsrennen das Bild eines relativ stabilen Wahlkampfs, der auch durch Sandy nicht beeinflusst wurde. Während viele Umfrageinstitute im Oktober ihre Arbeit wegen des Sturms vorläufig einstellen mussten, sind die Prognosemärkte konstant geblieben und haben den Verlauf auch der diesjährigen US-Präsidentschaftswahl präziser dokumentiert.

Prognosemärkte funktionieren wie herkömmliche Börsen. Auf ihren virtuellen Plattformen werden statt Aktien Wähleranteile gehandelt. Die Kurse dieser Aktien werden als Vorhersagen interpretiert, die oft treffsicherer sind als gängige Meinungsumfragen.

Die Kurse auf diesen Märkten sagten während des gesamten Wahlkampfs einen knappen Wahlsieg von Obama voraus. Diese Einschätzung wurde dabei weder von Parteitagen noch vom Wirbelsturm Sandy und auch nur leicht von der ersten TV-Debatte in Denver, die Romney klar für sich entschieden hatte, beeinflusst.

 

Unbekannt in Österreich

Umfragehochs und -tiefs werden auf Prognosemärkten also nicht etwa als dramatische Wendungen im Wahlkampf gewertet, sondern als Momentaufnahmen, die durch kurzfristige Ereignisse vorübergehend beeinflusst werden können.

Während Prognosemärkte in den USA schon eine breite Beachtung finden, sind sie in Europa noch weitgehend unbekannt. „Politikprognosen“ wurden unter anderem für nationale Parlamentswahlen in Norwegen und der Schweiz durchgeführt. Beide Male konnten sie das Wahlergebnis genauer vorhersagen als Umfragen, weil sie auf der Schwarmintelligenz aller Teilnehmer basieren. In Österreich gibt es das Verfahren noch nicht.

Die Prognosemärkte haben gegenüber den Umfragen den großen Vorteil, dass sie nicht auf Repräsentativität beruhen. Die Demoskopie beruht auf der Annahme, dass Zufallsstichproben in der Bevölkerung durchgeführt oder zumindest simuliert werden können. Diese Annahme zeigt sich als zunehmend problematisch, weil immer weniger Wähler an Umfragen teilnehmen.

 

Das ganz normale Wahltheater

In den USA haben die Prognosemärkte längst Geschichte geschrieben. Bei den letzten fünf Präsidentschaftswahlen waren sie präziser als die Umfragen. Die Kampagnenereignisse und der Wirbelsturm stellten am Ende keine wahlentscheidenden Momente dar, sondern das ganz normale Theater einer jeden Präsidentschaftswahl.

Dr. Daniel Dettling ist Politikberater in Berlin und Wien und leitet das Institut für Zukunftspolitik (www.zukunftspolitik.de).


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2012)

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