Im Kampf gegen die Pandemie Diabetes sind Maßnahmen fällig

Es ist Zeit, endlich eine nationale Strategie zur Vermeidung und Behandlung von Übergewicht und Diabetes auszuarbeiten.

Die Diabetesinitiative Österreich (DIÖ), in der Angehörige von Gesundheitsberufen, öffentliche Institutionen und Selbsthilfegruppen vertreten sind, nimmt den Weltdiabetestag am morgigen 14.November zum Anlass, auf die unbefriedigende Situation für Diabetiker in Österreich hinzuweisen und längst fällige Maßnahmen zur umfassenden Betreuung einzufordern.

In Österreich leben vermutlich 700.000 Patienten mit Diabetes mellitus, wobei die genauen Zahlen aufgrund des Fehlens eines Diabetesregisters nicht genau zu eruieren sind. Dieses Manko verhindert die Abschätzung der Behandlungsqualität und der Häufigkeit von diabetesbedingten Folgeerkrankungen.

Allein die direkten, durch Diabetes verursachten medizinischen Kosten in Österreich werden auf 2,4 Milliarden Euro im Jahr geschätzt. Dazu kommen noch die indirekten Kosten, welche etwa durch Krankenstände, Verminderung der Arbeitsfähigkeit und Frühpensionierungen bedingt sind. Denn ein schlecht behandelter oder nicht erkannter Typ-2-Diabetes birgt ein hohes Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenversagen, Erblindung, Amputation von Gliedmaßen und Krebserkrankungen.

Im Gegensatz zum Typ-1-Diabetes ist der Typ-2-Diabetes, dessen Entstehung durch Übergewicht und Bewegungsmangel begünstigt wird, zu einem guten Teil vermeidbar. Hierzu bedürfte es aber eines übergreifenden, nationalen Präventionsprogramms, das angesichts der komplexen Ursachen des Diabetes sämtliche Bereiche der Gesellschaft und somit die Politik betrifft.

 

Die soziale Komponente

Zudem darf die soziale Komponente nicht übersehen werden, da Übergewicht, Diabetes und frühzeitiger Tod bei sozial schwächeren und bildungsfernen Bevölkerungsgruppen, zu denen auch viele Migranten zählen, besonders häufig anzutreffen sind. Aber auch wir Ärzte sind gefordert, unsere evidenzbasierten Leitlinien für die strukturierte und interdisziplinäre Behandlung des Diabetes umzusetzen. Die Qualität der Betreuung würde durch das von den Sozialversicherungen angebotene dreistufige Disease Management Programm „Therapie aktiv“ eindeutig verbessert werden.

Die Implementierung scheitert jedoch leider am unverständlichen Widerstand mancher Ärzte und der noch nicht vom Gesundheitsministerium abgesegneten Definition der zweiten Ebene, jene der Diabetesexperten der Ambulanzen.

 

Innovative Medikamente

Zum Glück leben heute Patienten mit Diabetes länger als noch vor einigen Jahren und das mit guter Lebensqualität. Dies ist nicht zuletzt der Entwicklung neuer Medikamente zu verdanken. Leider zeichnet sich hier eine für Österreich fatale Entwicklung ab, da innovative Diabetesmedikamente und gelegentlich sogar Blutzuckerteststreifen den Betroffenen durch fehlende Erstattung vorenthalten werden. Bei allen notwendigen Maßnahmen zum Sparen werden wir uns sicherlich dem Diskurs stellen müssen, welchen Preis uns eine effizientere und die Lebensqualität verbessernde Behandlung von Diabetikern wert ist.

Es ist dringend an der Zeit, eine nationale Strategie zur Vermeidung und Behandlung von Übergewicht und Diabetes mit bindenden Empfehlungen auszuarbeiten und umzusetzen. Um diesen Prozess einzufordern, wird die DIÖ als Anwältin der Diabetiker den verantwortlichen Politikern am Weltdiabetestag einen Katalog mit notwendigen Maßnahmen überreichen.

Ao. Univ.-Prof. Dr. Bernhard Ludvik ist Präsident der Diabetesinitiative Österreich (DIÖ) und stellvertretender Leiter der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel am AKH Wien.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2012)

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