Hollande hat Bürokratie gepaukt, nicht das politische Handwerk

In Frankreichs Regierung sitzen viele Absolventen der Kaderschmiede ENA. Ihre Stärken sind resümieren und analysieren, nicht führen.

Nicht Griechenland oder Spanien sei das große Problem Europas, sondern vielmehr Frankreich, lautet die neue Angstdebatte in Berlin. Und Präsident François Hollande, seit sechs Monaten im Amt, wirkt in den Augen seiner enttäuschten Wähler und jenseits des Rheins wie der falsche Mann am falschen Ort.

„Niemand möge irgendjemandem Lektionen erteilen“, entgegnete ein verärgerter Hollande bei seiner jüngsten Pressekonferenz seinen Kritikern in Berlin. Doch überzeugen kann der Staatschef derzeit niemanden. Sein Kurs zur Überwindung der Krise ist unklar.

Hollande hat seinen Landsleuten versprochen, ein „normaler Präsident“ zu sein. Gewählt wurde er, weil die Menschen von seinem Vorgänger Nicolas Sarkozy die Nase voll hatten, weniger um seiner selbst willen.

Der Absturz in der öffentlichen Meinung ist umso heftiger. Der Sozialist wirkt wie ein Zauderer, seine Regierungsmannschaft gilt als realitätsfern. Entlassungswellen beuteln die Industrie, Kommunen stehen vor der Pleite und bitten arabische Golfstaaten um Hilfe, die Kriminalität in Städten wie Marseille ist fast unkontrollierbar. Doch in Paris wird weiter an Studien getüftelt.

 

Der fleißige „Enarche“

Sowohl das Regierungskabinett als auch andere wichtige Posten besetzte Hollande mit Kameraden seiner Klasse an der ENA, der Ecole Nationale d'Administration. Die Absolventen werden als „Enarchen“ bezeichnet. In seinem Jahrgang namens „Voltaire“ hatte er 1980 seine langjährige Lebensgefährtin Ségolène Royal kennengelernt. Die beiden Berufspolitiker haben gemeinsam vier Kinder, heirateten aber nie und trennten sich vor einigen Jahren.

Das junge ehrgeizige Paar wurde vom damaligen Staatspräsidenten François Mitterrand gefördert, beide arbeiteten schon sehr früh im Elysée, dem Präsidentenpalast. Für Hollande wurde der Amtsantritt also quasi zur Rückkehr an eine frühere Wirkungsstätte. War er damals ein strebsamer Bürokrat, der koordinierte und für die Vorgesetzten resümierte, soll er nun als politischer Führer agieren.

Anders als sein großes Vorbild Mitterrand verfügt Hollande aber nicht über dessen Charisma und politischen Instinkt. Vielmehr eifert er seinem verstorbenen Mentor nur dort nach, wo er meint, Antworten auf einen verfehlten Kapitalismus zu finden, indem er Staatsdirigismus und Subventionen befördert. Hollande ist ein fleißiger „Enarche“, wie er im Buche steht. Er war der ideale Mann im Hintergrund, doch in der ersten Reihe wirkt er hilflos.

Die ENA war einst Kaderschmiede für hohe Beamte, wie Präfekten, Finanzinspektoren etc. Sie wurde in den vergangenen Jahren entmachtet, dennoch ist sie für die Generation Hollande immer noch relevant. Selten hatte eine französische Regierung eine derart hohe Zahl an Absolventen der ENA aufzuweisen wie die aktuelle. Einzig Premier Jean-Marc Ayrault, zuvor Deutschlehrer, weist eine bodenständige Laufbahn auf. Die Mehrzahl der wesentlichen Akteure und Berater entstammt der ENA.

Die Gründung der ENA geht auf den Staatsmann Charles de Gaulle zurück. Die Idee des Generals und späteren Präsidenten war, eine exzellente Verwaltungsakademie zur Bildung neuer Eliten zu schaffen, um das von NS-Kollaborateuren des Vichy-Régime durchsetzte System umfassend zu erneuern. 1945 verließen die ersten Absolventen die ENA.

Auch wenn sich die Ausbildung bis vor Kurzem auf den französischen Verwaltungsstil setzte, öffnete die ENA doch von Anbeginn ihre Tore für Studierende weltweit. Die höchste Quote unter den internationalen Absolventen stellen Deutsche. Ziel dieser Stipendien war auch, eine frankofone und frankophile Gemeinschaft hoher Beamter zu schaffen. Dies gelang zweifellos, denn die ENA durchlaufen zu dürfen ist ein Privileg, das einem jungen Menschen Einblick in Hierarchien und Verwaltungsprozesse bietet.

 

Andere Stimmung als an den Unis

Ausländer werden genauso wie ihre französischen Kollegen in sämtliche Dossiers eingebunden. Als Student ist man automatisch Teil der französischen Administration und untersteht dem Premierminister. Es herrscht also aus vielen Gründen eine andere Stimmung als an den überlaufenen Universitäten.

Letztere üben aber berechtigte Kritik an Institutionen wie der ENA, da kaum in die Tiefe gegangen wird, sondern vielmehr diagonal Zusammenfassungen gelesen und verfasst werden. Hinzu kommt der Vorwurf, dass Absolventen der großen Schulen, also all jener „grandes écoles“ viel bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten als ihre Mitbewerber, die bloß ihre Uni-Studien mit Bestnote abgeschlossen haben. Die ENA mutierte seit den 1970er-Jahren zum Rekrutierungspool für Politiker und Manager in den staatsnahen Betrieben. Entsprechend wuchs die Kritik am System der „Enarchen“. Anstelle des republikanischen Prinzips der Meritokratie, also des Aufstiegs aufgrund von Leistung, begannen die Kontakte über die Absolventennetzwerke an Gewicht zu gewinnen.

 

Eine Schule der Praxis

Wer die Aufnahmeprüfung besteht und dann in der Notenreihung reüssiert, hat es in Frankreich geschafft. Bewerben können sich sowohl junge Diplomierte, vorzugsweise der Politikwissenschaften, als auch Verwaltungsbeamte.

Die ENA versteht sich als Schule der Praxis, anhand aktueller Dossiers soll die rechtliche und politische Entscheidungsfindung erlernt werden. Konvolute in einer „fiche de synthèse“, einer Kurzfassung wiederzugeben, Empfehlungen zu erarbeiten und interministerielle Abläufe rasch zu erfassen, sind Teil des Curriculums.

Auf der Strecke bleiben eigenständige Recherche und kritisches Hinterfragen, wie es die traditionelle Universität einst förderte. Hollande und seine wesentlichen Minister, allesamt Absolventen der ENA, fehlt genau dieses. Ihre Eloquenz erschöpft sich bei aller intellektuellen Brillanz rasch in einer Rhetorik der Technokraten.

Manche sind geborene Alphatiere und haben das Talent zu führen und zu delegieren, andere wiederum sind die idealen Umsetzer in der zweiten Reihe. In turbulenten Zeiten bedarf es genau dieser Leitwölfe und schlauen Füchse, die rasch begreifen, welcher Kurs mit welchen Opfern der Bevölkerung zumutbar ist.

 

Schonfrist aufgebraucht

Die Pariser Regierung hat ihre Schonfrist aufgebraucht. Hollande verzettelt sich derzeit auf politischen Nebenschauplätzen, findet nicht den Draht zur Unternehmerschaft und kann seine Kritiker wenig überzeugen, dass die Regierung weiß, was sie tut. Es scheint, als würde man eine große Klasse hochbegabter, wenn auch etwas ältlicher Schüler bei einer Projektarbeit beobachten.

Zum Lernen hat Frankreich angesichts der drohenden Umwälzungen aber keine Zeit. Klare Vorgaben und eine ernst zunehmende Führung fehlen den paukenden Eliteschülern. Vor dem Klassenzimmer fragt sich der Rest wohl: „Wo ist bloß der Chef geblieben?“


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Autorin


Karin Kneissl studierte Jus und Arabistik in Wien. Sie war 1991/1992 Studentin an der ENA. 1990 bis 1998 im diplomatischen Dienst, danach Lehrtätigkeit. Zahlreiche Publikationen, darunter: „Die Gewaltspirale. Warum Orient und Okzident
nicht miteinander können“ (2007), „Der Energiepoker“. [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2012)

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