Ganz schön legitim!

Zum Streit über die Sexualbroschüre: Wieso lassen wir Kindern nicht den Freiraum für eigenverantwortliches Handeln?

Jeden Tag sind Kinder auf ihrem Schulweg mit Bildern (fast) nackter Frauen in seltsamen Posen konfrontiert. Auch (halb) nackte, blutende und gekreuzigte Männer begegnen ihnen im öffentlichen Raum. Im Gegenzug werden unerigierte Männerpenisse überklebt.

Internetpornos überfordern Jugendliche mit Bildern mechanistischer Sexualität, oftmals ohne Erziehungsbegleitung. Körperliche, sexuelle und psychische Grenzverletzungen an Kindern in (Hetero-)Familien sind nicht die Regel, aber eine schmerzliche, nicht zu leugnende Realität. Ebenso Männer, die schlagen und im schlimmsten Fall ihre Frauen ermorden. Eine Familie, die allzu oft noch patriarchalen und undemokratischen Regeln folgt, darf beziehungsweise muss kritisch hinterfragt werden.

Unklug also, eine aufklärerische Broschüre zu kritisieren. Das zeugt von Angst. Aber wovor? Vor einer Gesellschaft, in der unterschiedliche Lebensentwürfe möglich sind? Die Argumentationsfiguren der bestens organisierten „besorgten Eltern“ sind aus antifeministischen Kampagnen bekannt: Nein, nicht homosexuelle Jugendliche, die aufgrund von Diskriminierung ein drei- bis siebenfach erhöhtes Selbsttötungsrisiko aufweisen, sind die Opfer. Nein, nicht Mädchen oder Burschen, die Opfer sexueller Gewalt wurden, sind im Blickfeld.

 

Kernfamilien als Opfer?

Die Verteidiger privilegierter „Normalität“ gerieren sich selbst als die eigentlichen Opfer, fühlen sich in ihrem Kernfamiliendasein diskreditiert. Neben diesen Opfermythen wird ein kämpferischer Anti-Etatismus bemüht und vor „staatlicher Umerziehung“ gewarnt. Von wegen Umerziehung: Das nennt sich in der humanistischen Bildung „Erweiterung des Horizonts“. Berührt diese Horizonterweiterung vielleicht eigene Trauer und Wut um ungelebte Möglichkeiten?

Wie sollen denn Kinder Toleranz und Respekt lernen, wenn ihnen rassistische, homo- und transphobe Inhalte von den Eltern mitgegeben werden? Wie kann Verschiedenheit für das einzelne Kind lebbar sein, wenn gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse zementiert werden?

Ja, die Eltern sind für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich, und die Schule hat die Aufgabe, Weltoffenheit zu vermitteln. Ein Auftrag, der leider viel zu selten wahrgenommen wird.

Noch einmal, um das Missverständnis aufzuklären: Diese Broschüre ist für Fachpersonen, die selbstbestimmt überlegen können, welche Inhalte sie daraus wählen. Wenn ich mit Inhalten nicht konform gehe, dann ist das Selbstverantwortung.

Vor allem: Lassen wir auch den Kindern den letzten Freiraum einer eigenverantwortlichen, kritischen Auseinandersetzung mit Informationen! Wieso entmündigen Erwachsene ihre Kinder? Wieso sollen Kinder nicht in ihrer Sexualität respektvoll begleitet werden? Wieso dürfen sie sich nicht selbst berühren, einen positiven Körperbezug entwickeln? Wieso sollen Kinder nicht lernen, Nein zu sagen? Nein zu sagen auch zu ihren Eltern. Vielleicht liegt hier die Angst.

Dipl. Päd. Philipp Leeb ist Bubenarbeiter, Obmann von Poika – Verein zur Förderung gendersensibler Bubenarbeit.
Mag. Michael M. Kurzmann ist Mitarbeiter der Männerberatung Steiermark in den Bereichen Burschenarbeit und Gewaltarbeit.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2012)

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