Die Verachtung sollte Zudecker, nicht Aufdecker treffen

Replik auf Harald Walser. Aggression über die verschwiegene NS-Vergangenheit der Philharmoniker sollte sich gegen die Richtigen richten.

Zum wiederholten Mal wird derzeit nicht nur in den österreichischen Medien über die bei Weitem nicht gebührend bewältigte beziehungsweise bekannt gemachte Tätigkeit der Wiener Philharmoniker während und nach der NS-Herrschaft diskutiert.

Dass die feierliche Übergabe des Philharmoniker-Ringes an den Kriegsverbrecher Baldur von Schirach im Jahr 1967(!) erst jetzt allgemein bekannt wurde, obwohl der Verantwortliche des Historischen Archivs der Philharmoniker (Clemens Hellsberg, Anm.) –gleichzeitig auch Vorstand des Orchesters – dieses genauso wie manch anderes Relevante in dem 1993 erschienenen Buch „Die Demokratie der Könige“ nicht vermerkt hat, ist doch berichtenswert.

Zudem behauptet er bis heute, es sei alles gesagt und nichts mehr zu forschen.

Wobei dies für jedermann schwierig bis unmöglich ist, weil der Zugang zu besagtem Archiv erschwert oder gar verwehrt wird, was auch medial seit Langem bekannt ist und immer wieder kritisiert wird.

Unbegründet aggressives Verhalten gegenüber Personen, die mehr Licht in die Vergangenheit bringen wollen – sei es seitens der Informationsintendantin unseres öffentlichen Fernsehsenders, sei es von Journalisten –, sollte sich, wenn überhaupt in dieser Form, gegen den Zudecker und nicht gegen den Aufdecker richten, von wo auch immer dieser kommt.

 

Genauer differenzieren

Die Israelitische Kultusgemeinde wäre gut beraten gewesen zu überlegen, wofür sie eine an Friedrich Torberg erinnernde Medaille vergibt, selbst wenn dies zu den dortigen Wahlzeiten geschehen ist.

Obstruktion und Intransparenz verursachen immer Verdacht – und möglicherweise auch Unterstellungen. Diesem die Mitglieder des besten Opernorchesters der Welt und des Philharmonischen Vereins auszusetzen schadet unberechtigterweise nicht nur diesen, sondern auch unserem Land, das zu Recht stolz auf die Qualität dieses Klangkörpers ist.

Auch wenn ich mich bei vielen damit unbeliebt mache, meine ich, dass wir noch mehr Grund für das Stolz-Sein hätten, würde man den unseligen kriegerischen Radetzky-Marsch, der noch heute für sehr viele Menschen mit tragischen Erinnerungen an die kriegslustigen Habsburgerzeiten verbunden ist und dessen musikalischer Wert bekanntlich gering ist, endlich aus Programm des Neujahrskonzerts eliminieren.

Doch damit übt sich wohl der Vorstand im gewohnten Bewahren von genauso fragwürdigen wie beliebten Traditionen.


Ioan Holender war von 1992 bis 2010 Direktor der Wiener Staatsoper. 2008 hatte er mit einer Ausstellung die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Hauses begonnen.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2013)

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