Wenn Kinderlosigkeit zum Lebensziel wird, liegt Welt im Sterbebett

Ein gewolltes Leben ohne Kinder kann keine gültige Maxime sein, wenn man eine funktionierende Gesellschaft haben möchte.

Gewollte Kinderlosigkeit gehört heute zu den weithin akzeptierten Normvarianten der verschiedenen individuellen Lebensentwürfe. „Ich habe mich ganz bewusst gegen Kinder entschieden“ ist eine Aussage, die jeder kennt und die man heute trotz ihrer beweisbaren antisozialen Wirkung mehr oder weniger respektiert.

Legt man diesem Statement den Kant'schen Kategorischen Imperativ als Messinstrument an, so erscheint die zitierte Aussage in einem ausgesprochen trüben Licht. Kant sagte: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Und der kategorische Imperativ wird in der aufgeklärten Welt immerhin als konstituierende Moralformel verwendet, gegen die kaum stichhaltige Einwände möglich sind. Man braucht daher gar kein sauertöpfischer Moralist zu sein, um den Kant'schen Imperativ vertreten zu können.

Im gegenständlichen Kontext bedeutet das konkret: Würde jedes Individuum die vorsätzliche Kinderlosigkeit als Lebensziel anstreben, läge die Welt längst im Sterben. Ein gewolltes Leben ohne Kinder kann daher keine respektable oder gar gültige Maxime sein, wenn man eine funktionierende Gesellschaft haben und in dieser leben möchte.

 

Bekenntnis zum Nihilismus

Kaum eine(r) der freiwillig Kinderlosen will als Eremit sein Dasein fristen, denn wir alle wollen letztlich in Sozietäten leben, die funktionieren. Dafür braucht es Menschen, die soziale und ökonomische Leistungen erbringen.

Dass alle diese Menschen einmal auch Kinder waren, ist fast müßig zu erwähnen. Die besagte und heute so unkritisch tolerierte Normvariante der diversen Lebensplanungen ist also im Grunde zu verurteilen, weil sie keine brauchbare gesellschaftliche Perspektive bietet und zumindest im Kant'schen Sinne amoralisch ist. Egozentrisch, demografisch kontraproduktiv und die Gesellschaft ökonomisch belastend ist sie sowieso. Menschen, die sich offen zur Kinderlosigkeit bekennen und eigene Kinder als Beschädigung ihres individuellen Lebens auffassen, bekennen sich implizit auch zum Nihilismus und forcieren damit die gesellschaftliche Degeneration.

 

Prolongierter Selbstbetrug

Oft ist ihnen das aber gar nicht bewusst. Hedonistische Erfüllung und materialistischer Erfolg gelten als die Primärziele des dritten Jahrtausends, alles andere ist nicht so wichtig. Wozu also Kinder?

Ein Feigenblatt dieses nicht eingestandenen Nihilismus ist oft das erklärte Vorhaben, später ohnehin einmal Kinder kriegen zu wollen, zur Zeit ginge es sich gerade nicht aus. Mit diesem prolongierten Selbstbetrug wird der flauen Geburtenrate samt allen negativen Folgen Vorschub geleistet.

Paradoxerweise macht sich durch den allseits angestrebten Materialismus und die wachsende Säkularisierung ein zunehmender materieller Druck breit, der den Kinderlosen auch noch rationale Argumente liefert, kinderlos zu bleiben. „Kinder kann ich mir nicht leisten“, das hört man genauso oft wie das eingangs angeführte Zitat.

Politische Trends begünstigen diese Haltung: Kinder- und Familienpolitik gehören derzeit sicher nicht zu den besonders flott beackerten Feldern. Die Kinderlosigkeit lässt sich also immer rechtfertigen: Die einen rekurrieren auf die grundsätzliche Entscheidungsfreiheit des Menschen, die heute die so komfortable Kinderlosigkeit ermöglicht; die anderen berufen sich auf politische und gesellschaftliche Umstände, die das Kinderhaben zum Nachteil machen. Insgesamt ein ziemlich trauriger Befund.

Prim. Dr. Marcus Franz ist ärztlicher Direktor des Hartmannspitals, Vorstand der internen Abteilung.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2013)

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