Wem nützt der ORF? Qualitätsjournalismus kontra Boulevard

Gastkommentar. Zwei Studien unterstreichen die Bedeutung der ORF-Fernsehproduktion sowohl für die österreichische Wirtschaft als auch für die Kultur.

Drei Milliarden Euro Umsatz meldet Pro7/Sat1 für 2012, der überwiegende Anteil kommt von seinen TV-Sendern. 1,6 Milliarden Euro Dividende schüttet RTL heuer an seine Eigentümer, den Bertelsmann-Konzern, aus. Während Qualitätsmedien um ihre Existenz kämpfen, boomt der kommerzielle TV-Markt.

Investoren dürfen sich freuen. Doch ist Fernsehen tatsächlich nur Quoten- und Gewinnlieferant, das Programm nur eine Benutzeroberfläche für Werbeeinschaltungen? Welchen Wert hat die TV-Produktion, welchen Nutzen erbringt sie für Publikum und Öffentlichkeit?

Zwei aktuelle Studien liefern Antworten und sie analysieren die Bedeutung der ORF-Fernsehproduktion für Wirtschaft und Kultur. Das Ergebnis: Das ORF-Fernsehen nützt Österreich.

Die Studie des Wifo berechnet volkswirtschaftliche Effekte, die sich durch die eigene TV-Produktion und ORF-Investitionen in die heimische Filmwirtschaft (derzeit rund 100 Mio. Euro) ergeben; sie untersucht Auswirkungen für Regionalwirtschaft und Tourismus.

Dass es einen Unterschied macht, „wo der Geist weht“ (in der TV-Produktion), analysiert die Universität Wien, die die intellektuelle Wertschöpfung des ORF thematisiert. Ob „Cop Stories“ oder „Schnell ermittelt“, ob ORF-Zeitgeschichte-Dokumentation oder Kinofilm: Die Beschäftigung mit einer eigenständigen österreichischen Kulturproduktion, die sich gegenüber kommerzieller Konkurrenz aus dem Ausland behaupten muss, ist unverzichtbar.

 

Katalysator für Kreativität

Kreativität ist jedoch oft nur durch gezielte Förderung und Unterstützung möglich. Als Auftraggeber und (Ko-)Produzent ist der ORF daher ein wirksamer Katalysator kreativer Leistung und zuweilen auch Sprungbrett für erfolgreiche internationale Karrieren.

Der Markt versagt auch, wenn es um die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft geht. Im Gegensatz zum Werbefernsehen der Privaten garantieren öffentlich-rechtliche Medien, dass unterrepräsentierte, benachteiligte und nicht als werberelevante Zielgruppe wahrnehmbare Menschen und Gruppen – ohne als Quotenbringer missbraucht zu werden – berücksichtigt und zum Gegenstand öffentlicher Aufmerksamkeit werden.

 

Den Mehrwert nachrechnen

Gerade weil sich das Geschäft mit dem Fernsehen so rasant von den Bedürfnissen der Menschen weg und zu den Rendite-Erwartungen von zumeist anonymen Shareholdern hin entwickelt, sollte nachgerechnet und kritisch bewertet werden: Welchen ökonomischen und intellektuellen Mehrwert erbringt Fernsehen für Österreich, für ein Kulturverständnis, das sich auf den Wandel der Gesellschaften, auf einen europäischen Horizont, auf das Gemeinwohl und die Entwicklung der Demokratie bezieht?

Die Frage nach sinnstiftenden Werten, nach wirtschaftlich und gesellschaftlich relevanten Funktionen legt auch in der Welt der Medien Qualitätskriterien nahe, die über die dominierende Logik der Märkte hinausreichen und soziale Verantwortung, Qualität der politischen Kultur und Innovationsfähigkeit unserer Gesellschaften einfordern.

Cui bono? – Wem nützt Fernsehen? Die Frage ist mit Blick auf die europaweiten Spannungen und Krisen, den alarmierenden Aufstieg von Boulevard und Populismus bei gleichzeitiger existenzieller Gefährdung des Qualitätsjournalismus von besonderer Relevanz. Zeit also, an Österreich, an Europa zu denken. An Medienqualität, die Menschen nützt, die nicht nur kalkulierbare Objekte einer kommerziellen Verwertungskette, sondern Mitglieder einer demokratischen Öffentlichkeit sind.

Dr. Klaus Unterberger ist Leiter des Public-Value-Kompetenzzentrums des ORF.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2013)

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