Kims Nordkorea: Eine paranoide Theokratie

Die explosive Situation in Nordostasien wird explosiv bleiben. Eine Kleinigkeit - ein Schuss wie 1914 in Sarajewo sozusagen - kann dort eine Katastrophe auslösen. Denn die nordkoreanische Diktatur hat ja Atomwaffen.

Wären da nicht die Atomwaffen, würde sich kein Mensch um Nordkorea kümmern – ein kleines isoliertes Land mit 24 Millionen Einwohnern, das von einer grotesken, sich selbst als kommunistisch bezeichnenden Dynastie beherrscht wird.

Der gegenwärtige Führer des Landes, Kim Jong-un, 30-jähriger Enkel des Staatsgründers und „Großen Führers“, droht nun Seoul, die wohlhabende und pulsierende Hauptstadt Südkoreas, in ein „Feuermeer“ zu verwandeln. Auch amerikanische Militärbasen in Asien und im Pazifik finden sich auf seiner Liste der Angriffsziele.

Kim weiß ganz genau, dass ein Krieg gegen die USA wahrscheinlich die Zerstörung Nordkoreas bedeuten würde – eines der ärmsten Länder dieser Welt. Seiner Regierung gelingt es nicht einmal, das eigene Volk zu ernähren, das regelmäßig von Hungersnöten heimgesucht wird.

 

Fanatismus und Bösartigkeit

In der Vorzeigehauptstadt Pjöngjang gibt es nicht einmal genug Strom, um die größten Hotels zu erleuchten. Die Drohung mit einem Angriff auf das mächtigste Land der Welt erscheint daher als Wahnsinnstat.

Doch die Annahme, Kim Jong-un und seine Militärberater seien Wahnsinnige, ist weder zweckdienlich noch plausibel. Natürlich ist das politische System Nordkoreas derangiert. Die Tyrannei der Familie Kim beruht auf einer Mixtur aus ideologischem Fanatismus, bösartiger Realpolitik und Paranoia. Doch diese tödliche Mischung hat eine Geschichte, die es zu erklären gilt.

Die jüngere Geschichte Nordkoreas ist ziemlich simpel. Nach dem Zusammenbruch des japanischen Kaiserreichs, das von 1910 bis 1945 brutal über Korea geherrscht hatte, besetzte die sowjetische Rote Armee den Norden, die USA den Süden des Landes. Aus einem Armeelager in Wladiwostok suchten die Sowjets einen relativ unbekannten koreanischen Kommunisten aus, Kim Il-sung, den sie in Pjöngjang als nordkoreanischen Führer einsetzten.

Schon bald danach rankten sich Mythen um seine Heldentaten im Krieg und seinen göttlichen Status, aus denen sich ein Personenkult entwickelte. Die Anbetung Kims, seines Sohnes und seines Enkels als koreanische Götter wurde Teil einer Staatsreligion.

Nordkorea ist im Grunde eine Theokratie. Einige Elemente sind dem Stalinismus und Maoismus entliehen, aber ein Großteil des Kim-Kults geht auf indigene Formen des Schamanismus zurück: menschliche Götter, die Erlösung versprechen (es ist kein Zufall, dass Sun Myung Moon und seine Vereinigungskirche auch aus Korea stammen).

Doch die Macht des Kim-Kults sowie auch die Paranoia des nordkoreanischen Regimes haben eine politische Geschichte, die viel weiter zurückreicht. Ungünstig eingekeilt zwischen China, Russland und Japan, war die koreanische Halbinsel lange Zeit ein blutiges Schlachtfeld größerer Mächte.

 

Unterwürfigkeit gegen Schutz

Die koreanischen Herrscher konnten nur überleben, indem sie ausländische Mächte gegeneinander ausspielten und, vor allem gegenüber chinesischen Kaisern, Unterwürfigkeit gegen Schutz boten. Dieses Vermächtnis schürte massive Angst und Abscheu vor der Abhängigkeit von stärkeren Ländern.

 

Typische koreanische Herrscher

Die wichtigste Grundlage des Legitimitätsanspruchs der Kim-Dynastie ist „Juche“, die offizielle Ideologie des Regimes, in der die nationale Eigenständigkeit bis hin zur Autarkie betont wird. Tatsächlich waren Kim Il-sung und sein Sohn Kim Jong-il typische koreanische Herrscher. Sie spielten China gegen die Sowjetunion aus, während sie sich den Schutz durch beide Länder sicherten.

Natürlich hielt das Nordkoreas Propagandisten nicht davon ab, die Südkoreaner als feige Lakaien des US-Imperialismus zu bezeichnen. Tatsächlich ist die Paranoia gegenüber dem US-Imperialismus Teil des Unabhängigkeitskults. Um das Überleben der Kim-Dynastie zu sichern, ist die Bedrohung durch Feinde von außen von essenzieller Bedeutung.

Ebenso wie für Kuba war der Kollaps der Sowjetunion für Nordkorea ein Desaster. Nicht nur die sowjetische Wirtschaftshilfe kam zum Erliegen, die Kims konnten auch nicht mehr eine Macht gegen die andere ausspielen. Es war nur noch China übrig, und Nordkoreas Abhängigkeit von seinem nördlichen Nachbarn ist beinahe allumfassend. China könnte Nordkorea innerhalb eines Tages ausbluten lassen, wenn es die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Treibstoff einstellen würde.

Um von dieser demütigenden Notlage abzulenken, bleibt nur eines: die Propaganda über Eigenständigkeit und die unmittelbare Bedrohung durch die US-Imperialisten und deren südkoreanische Lakaien bis zur Hysterie hochzuschrauben. Ohne diese konzertierte Paranoia verfügen die Kims über keine Legitimität. Keine Tyrannei kann allein auf Grundlage brutaler Gewalt lange überleben.

Mancherorts wird argumentiert, die USA könnten die Sicherheit in Nordostasien durch einen Kompromiss mit Nordkorea – vor allem, indem sie versprechen, Kims Regime nicht anzugreifen oder nicht versuchen, es zu stürzen. Es ist unwahrscheinlich, dass sich die Amerikaner darauf einlassen, auch den Südkoreanern wäre das nicht recht. Abgesehen von allem anderen besteht ein wichtiger innenpolitischer Grund für die Zurückhaltung der USA: ein demokratischer Präsident kann es sich nicht leisten, „weich“ zu erscheinen.

 

Die Tragödie einer Halbinsel

Von noch größerer Bedeutung ist allerdings, dass das Kim-Regime trotz derartiger Garantien der Amerikaner seine paranoide Propaganda angesichts der in „Juche“ begründeten Furcht vor der Außenwelt wohl fortsetzen würde.

Koreas Tragödie besteht darin, dass niemandem wirklich etwas an einer Änderung des Status quo liegt: China möchte Nordkorea als Pufferstaat erhalten und fürchtet im Fall eines Zusammenbruchs Nordkoreas Millionen Flüchtlinge. Die Südkoreaner könnten sich eine Eingliederung Nordkoreas in der Art und Weise, wie Westdeutschland die Deutsche Demokratische Republik eingliederte, niemals leisten. Und weder Japan noch die USA würden Gefallen daran finden, die Rechnung für die Aufräumarbeiten nach einer Implosion Nordkoreas zu begleichen.

Also wird die explosive Situation explosiv bleiben. Die Bevölkerung Nordkoreas wird weiterhin unter Hungersnöten und Tyrannei leiden, und kriegerische Töne werden weiterhin in beiden Richtungen den 38. Breitengrad queren.

Bisher ist es nur Rhetorik. Aber eine Kleinigkeit – ein Schuss in Sarajewo sozusagen – kann eine Katastrophe auslösen. Und Nordkorea hat ja Atombomben.

Aus dem Englischen von
Helga Klinger-Groier
Copyright: Project Syndicate 2013


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

Ian Buruma (*28.12.1951 in Den Haag) studierte chinesische Literatur in Leiden und japanischen Film in Tokio. 2003 wurde er Professor für Demokratie und Menschenrechte am Bard College in New York. Zahlreiche Publikationen. Zuletzt ist als Buch von ihm erschienen: „Taming the Gods: Religion and Democracy on Three Continents.“ [Internet]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2013)

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