Ein fataler Trugschluss

Der VSStÖ fordert gerade die Abschaffung der Lateinergänzungsprüfung. Ein Slogan, der mich als Lehrerin geradezu entsetzt.

Einen Teil meines Einkommens erwirtschafte ich mir als Lehrerin an einer Neuen Mittelschule in einem Wiener Randbezirk. Dort ist jeder Tag ein Überraschungsei, wenn auch nicht immer aus Schokolade.

In diese Schule gehen Halbwaisen, Flüchtlingskinder, in WGs lebende junge Leute, die mit einem solchen bitteren, brutalen Ernst durchs Leben stapfen, dass man sie gar nicht mehr „Kinder“ nennen mag. Solche, die Deutsch als Muttersprache haben und für die ich trotzdem ein lebendes Wörterbuch bin, und solche, die zu Hause Türkisch sprechen und trotzdem am schnellsten begreifen, was es mit Subjekt, Prädikat und den anderen Satzteiltierchen auf sich hat. Also von allem etwas.

Vor ein paar Monaten fragte mich, sagen wir, Christian: „Frau Tiwald, können wir nicht am Ende jeder Deutschstunde Latein machen?“ Christian ist zehn. Frau Tiwald hat sich erst vor wenigen Wochen dazu durchgerungen, Christian ein kleines Buch namens „Latein für Insider“ in die Hand zu drücken. Seit damals gibt es Anfragen: „Darf ich das Buch als Nächster ausborgen?“ Warum ich das erzähle? Weil auf Plakaten rund um die anstehenden ÖH-Wahlen groß prangt, es solle die Lateinergänzungsprüfung abgeschafft werden.

Der VSStÖ ist auf diese superbe Idee gekommen – ausgerechnet der VSStÖ, den ich schätze für seine Wachsamkeit gegenüber rechten Umtrieben, für seinen Einsatz für die Frauen, für No-nonsense-Ansätze wie ein Praktikumsgütesiegel oder die Förderung von Heimplätzen.

 

Denken in Strukturen

Es fällt mir schwer zu beschreiben, was dieser Slogan auslöst. Ich war auf eine Weise entsetzt, wie man es mit 20 noch nicht sein kann. Es ist dabei nicht so sehr das gute alte Bildungsgut, das ich davonschwimmen sehe. Auch ich habe nicht jede Lateinstunde genossen, trotz eines fantastischen Lehrers.

Was ich fürchte, ist das Abhandenkommen einer ganz simplen und gediegenen Weise, sich Denken in Strukturen anzugewöhnen. Das Abhandenkommen einer Ästhetik des Sich-Befassens, des Hineinkniens in etwas, das alle Steop-Prüfungen überdauern wird.

Ich bin wieder dazu übergegangen, meine Schüler zum Auswendiglernen von Gedichten zu bewegen. Vom weit verbreiteten Vorurteil, das sei pfui, habe ich mich verabschiedet, weil ich Kinder erlebe, die prinzipiell keinen Text – und sei er noch so kurz – von sich aus zur Gänze durchlesen. Weil ich erlebe, wie erratisch Aufmerksamkeit inzwischen geworden ist. Weil ich nicht in einer Welt leben möchte, in der man sich mit nichts mehr wirklich befassen möchte.

Christian wirft mir inzwischen fröhlich lateinische Übersetzungen von deftigen Sätzen entgegen. Mir wird übel, wenn Menschen, die in den Genuss von höherer Bildung kommen, sich selbst etwas nehmen, was sich andere wünschen – andere, in deren Lebensperspektive qua Herkunft und sozialer Schicht diese höhere Bildung gar nicht vorkommt. Die Annahme, damit für „Chancengleichheit“ zu sorgen, ist ein fataler Trugschluss.

Katharina Tiwald (*1979 in Wiener Neustadt) studierte Sprachwissenschaft und Russisch in Wien, Sankt Petersburg und Glasgow. Sie ist Lehrbeauftragte an der Uni, Lehrerin und freie Schriftstellerin.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2013)

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