Wir pfeifen auf Binnen-I und Töchterhymne!

Warum ist gegenwärtig die Debatte über die Rolle der Frau von vornherein zum Scheitern verurteilt? Weil das Denken dahinter von vorgestern ist. Und die damit verbundenen Maßnahmen niemandem helfen – schon gar nicht den Frauen.

Eine Studie, in der sich Frauen mit Kindern mehrheitlich für ein Hausfrauendasein aussprechen, führte vor Kurzem zu einem empörten Aufschrei in allen Medien – also werden wir wohl weiter tagsüber arbeiten, abends den Versuch eines Familienlebens wagen und am Wochenende alles aufholen, was während der Woche liegen geblieben ist.

Schon jetzt sind berufstätige Mütter komplett überfordert, immer mehr Kinder verhaltensauffällig und Väter offensichtlich schon bedeutungslos in einem überfrachteten, fremdbestimmten Alltag. Und dieser hilflose Spagat zwischen Beruf und Familie, schlechtem Gewissen und Stress soll ein erstrebenswertes Modell für Frauen von heute sein? Nicht sehr überzeugend.

Das Problem dieser Debatte ist, dass es sie eigentlich gar nicht geben dürfte. Denn niemand ist befugt, sich mit Kritik und Bewertungen in einen persönlichen Lebensplan einzumischen.

 

Die Karrieremutter, die alles kann

Unterstützt werden mediale Lebensmodellbeurteilerinnen von einer überholten linken Frauenpolitik, die uns immer noch weismachen will, der Traum jeder emanzipierten Frau läge in der Vereinbarkeit von Muttersein und Berufstätigkeit. Das Ganze bitte möglichst schnell nach der Geburt der Kinder, um Heim und Herd fluchtartig wieder zu verlassen.

Frauen werden in Vollzeitjobs gedrängt, Kinder in ein Leben ohne ihre wichtigsten Bezugspersonen und Männer werden gar nicht mehr gefragt. Wer immer behauptet hat, wir müssten Kinder und Karriere gleichzeitig haben, soll sich zum Teufel scheren.

Was zu Beginn der Frauenbewegung absolut berechtigt war – Chancengleichheit in allen Lebensbereichen – ist in der Zwischenzeit zu einem Kriegsgeheul entartet, das jeder Realität entbehrt. Wenn heute Frauenquoten von 50 Prozent eingefordert werden und wir all das machen sollen und dürfen, was Männer auch machen – dann bitte nicht nur in den Vorstandsetagen, in denen die öffentliche Macht zu Hause ist, sondern auch bei der Müllabfuhr, auf dem Bau und im Schlachthof. Was allein schon zeigt, wie absurd diese Form der Gleichmacherei ist.

Wer glaubt, man könnte Frauen mit effekthascherischen Maßnahmen wie Quoten oder einer „geschlechtsneutralen“ Sprache bewusstseinsbildend unter die Arme greifen, irrt gewaltig. Was in der eigenen Vorstellung nicht existiert, kann sich auch im Alltag nicht manifestieren – ganz im Gegenteil. Frauen werden in der Gesellschaft nicht sichtbarer und fühlen sich nicht mehr wertgeschätzt, wenn man sie in Texten mit Pünktchen oder Sternchen bedenkt.

 

Die brave Tochter in uns allen

Was unsere Mütter und Großmütter uns in guter Absicht weitergegeben haben, sind jahrhundertealte Überzeugungen und Traditionen, die mit populistischen Gesten nicht einfach aus unserem Bewusstsein gelöscht werden. In jeder Frau wohnt ein Leben lang die brave Tochter, die immer noch allen alles recht machen will.

Das Problem sind nicht ein kollektivvertraglich geregelter Lohn und gleiches Geld für gleiche Arbeit, sondern der (unbewusste!) Zwang, einmal in uns gesetzte Erwartungen nicht enttäuschen zu dürfen. Deshalb bleiben Frauen in zerstörerischen Beziehungen, lassen sich von der engsten Familie bevormunden und kümmern sich um die eigenen Bedürfnisse stets zuletzt. Es wird Zeit, dass Frauen beginnen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und Männer oder wen auch immer aus der Verantwortung für ihr Wohlergehen zu entlassen.

Initiativen wie „One Billion Rising“ sind ein gutes Beispiel. Wer darauf wartet, dass andere die Bedingungen für ein erfülltes Dasein schaffen, muss das Glücklichsein aufs nächste Leben verschieben.

Dazu gehört auch, konsequent Nein zu sagen zu selbstsabotierenden Lebenskonzepten und einer von Meinungsmachern zum gesellschaftlichen Ideal unserer Zeit erhobenen Rolle als multitaskingfähige Karrieremutter. Nein zu Familienmitgliedern, Freunden und Arbeitgebern, die unsere Begeisterung für kühne Pläne und Ideen nicht teilen und Ja zu einem Leben, in dem man sich vor lauter Stress nicht ständig selbst abhandenkommt. Auf welche Weise das geschieht, hat jede Frau zu jeder Zeit selbst zu entscheiden, ohne dafür von der Öffentlichkeit belächelt, bemitleidet oder beschimpft zu werden. Berufstätigkeit ist dabei genauso selbstverständlich wie ein Leben zu Hause mit Kindern, auch wenn das jeder Redaktionsemanze Schweißperlen auf die Stirn treibt.

 

Der persönliche Plan

Bildungsmöglichkeiten in jedem Lebensalter, späterer Einstieg ins Arbeitsleben, berufliche Pausen (Sabbaticals), ans andere Ende der Welt ziehen oder nicht, einen Lebensmenschen an der Seite haben oder keinen – je nachdem, welche Prioritäten der persönliche Plan gerade vorsieht: Die Aufgabe einer funktionierenden Frauen- und Familienpolitik wäre es, den Rahmen zu schaffen, der diese Lebenskonzepte bedingungslos respektiert und unterstützt. Was haben wir stattdessen? Eine Töchterhymne und das Binnen-I. Na, bravo!

Es ist nicht zynisch, bis 67 zu arbeiten, Herr Bundeskanzler. Es ist zynisch, die Bevölkerung als Stimmvieh zwischen 20 und 60 durch die Arbeitswelt zu treiben, um sie dann erschöpft und krank in die Pension zu entlassen. Frauen sollen nebenbei noch kleine Menschen erziehen.

 

Neue Modelle des Frauseins

Ich selbst kündigte meinen Job bei der UNO, weil ich nicht den ganzen Tag außer Haus sein wollte. Viele Jahre betreute ich meine Kinder, chauffierte sie ins Handballtraining und möchte keine Sekunde dieser gemeinsamen Zeit missen. Nun sind sie erwachsen und meine nächsten 20 Jahre für die Umsetzung beruflicher Ideen vorgesehen. Dann bin ich 70. Was ich danach mache, steht noch in den Sternen.

Frauen brauchen völlig neue Lebensentwürfe (Männer übrigens auch). Sie brauchen angemessene Unterstützung, wenn diese tatsächlich benötigt wird und nicht, wenn schrille Frauenministerinnen sie für uns vorgesehen haben. Eine Politik, die das nicht leisten kann, ist wahrlich von vorgestern.

Die Vorstellung von mir selbst als benachteiligte Frau hat es in meinem Denken nie gegeben, daher gibt es sie auch nicht in meinem Leben. Obwohl wir heute noch in beengenden kulturellen und ideologischen Strukturen leben, ging es in unserer Geschichte nie allein um die Frage männlicher Dominanz, sondern um unentdecktes Potenzial und mangelnde Perspektiven auf unserer Seite.

Alte Modelle des Frauseins zu verlassen und neue zu erproben, erfordert für alle, die das wagen, enorm viel Mut und Eigeninitiative. Mediale Dauerfeuer und scheinheilige politische Gesten aber sind auf dieser sehr persönlichen Reise absolut verzichtbar.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Autorin

Dr. Sibylle Manhart-Stiowicek ist freiberufliche Übersetzerin und Dolmetscherin. Sie lehrt als Senior Lecturer am Zentrum für Translationswissenschaft der Uni Wien. Ihr Forschungsinteresse gilt dem Unbewussten nach C. G. Jung, vor allem in der Wahrnehmung und Gestaltung von Information in den Massenmedien. Derzeit arbeitet sie an einem Buchprojekt über die Rolle der heutigen Frau. [Privvat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2013)

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