Präsenzanalysen im ORF: Nur „dämliche Sekundenzählerei“?

Gastkommentar. Die tägliche politische Berichterstattung in der „Zeit im Bild“ führt gut vor Augen, wohin die Redakteure schauen und wohin nicht.

Monat für Monat veröffentlichen Qualitätszeitungen Analysen der Innenpolitik-Berichterstattung des ORF, insbesondere der Präsenz politischer Parteien und ihrer Proponenten – und sorgen damit am Küniglberg und in den Parteizentralen gleichermaßen für Wirbel.

Am 12. August starteten die Grünen eine „Transparenzoffensive zur Unterstützung eines unabhängigen ORF“. Der zuletzt recht stabile Regierungsanteil an der Berichterstattung in der „Zeit im Bild“ von deutlich mehr als 70 Prozent machte der Oppositionspartei zu Recht Kopfzerbrechen.

Die massive Reaktion des Redakteursrats war außergewöhnlich: Den Grünen wurde die Forderung nach übelstem Parteiproporz unterstellt. Der Gedanke, Oppositionsparteien würden im ORF benachteiligt, wurde als „absurd“ vom Tisch gewischt. Armin Wolf bezeichnete auf Twitter Präsenzanalysen generell als „dämliche Sekundenzählerei“.

Der ORF ist jedoch ein zu wichtiges Medium, um gänzlich unbeschrieben zu bleiben. Auch wenn Präsenzanalysen keine redaktionelle Abhängigkeit von wem auch immer nachweisbar machen – eines leisten sie sicher: Sie führen vor Augen, wohin Journalisten schauen und wohin nicht. Sie stellen dar, womit der Medienkonsument, um den es letztlich geht, konfrontiert wird, wenn er allabendlich zwecks Informationsbeschaffung die wichtigste Nachrichtensendung des Landes verfolgt.


Selektive Wahrnehmung

Es wäre wohl zynisch, den Oppositionsparteien mangelnden Kommunikationswillen zu unterstellen – nach dem Motto: „Wo nichts ist, kann man auch nichts berichten.“ Oft jedoch scheint nicht nur der journalistische Output selektiv zu sein, sondern die journalistische Wahrnehmung – und damit kehrt die Verantwortung zu dem zurück, der sie so selbstsicher von sich weist. In den ersten 32 Wochen des Jahres lag der Anteil der Regierungsparteien in der „Zeit im Bild“ um 19:30 Uhr nur in drei Wochen knapp unter der 50-Prozent-Marke, jedoch 20-mal über 70 Prozent sowie sechsmal gar über 80 Prozent. Im Vergleich mit der ARD-Tagesschau um 20 Uhr zeigt sich, dass es auch ausgewogener geht. Hier wird deutlich öfter auch die andere Seite gehört. Das darf angesprochen werden.


Die Meinungsmacht des ORF

Medien haben in unserer Gesellschaft eine kontrollierende Schlüsselfunktion, es ist ihre Aufgabe, der Politik genau auf die Finger zu schauen. Aber wer kontrolliert die Kontrolleure? Je stärker der Einfluss eines Mediums auf den Meinungsbildungsprozess, umso drängender ist der Ruf nach Transparenz und Beschreibung der Berichterstattung. Denn bei der Meinungsmacht des ORF wird aus der veröffentlichten Meinung ganz rasch eine öffentliche.

Quantitative Kriterien sind hier durchaus geeignet, ja unerlässlich. Auch wenn sie nicht ausreichen, ein wirklich umfassendes Bild eines Mediums zu zeichnen, geben sie doch Hinweise auf dessen Ausrichtung und Fokussierung.

Ein redaktionell gestaltetes Medium ist kein Content Provider, und der ORF gehört nicht seinen Redakteuren. Seine Ausgewogenheit und Seriosität sind das Ergebnis einer kollektiven Anstrengung von Politik und Redaktion, sofern sie ihre Grenzen nicht überschreiten.

Die Durchlässigkeit in alle Richtungen ist erforderlich – und ja: Diese Durchlässigkeit ist messbar. Vor diesem Hintergrund sind Präsenzanalysen ein sinnvolles Instrument – zur kritischen Selbstreflexion in den Redaktionen und auch zur Standortbestimmung in der Politik.

Walter Schwaiger ist Geschäftsführer von Media-Affairs in Oberösterreich und Spezialist in der Beschreibung von Medienmärkten (siehe auch Bericht auf Seite 5).


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2013)

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