Sechs Argumente gegen das überholte, elitäre Schulsystem

Über das Versagen eines Systems, das bereits im 19.Jahrhundert konzipiert wurde.

Erstens: Der angeblichen „Weltgeltung“ der österreichischen Allgemeinbildung stehen inzwischen bekanntlich PISA und PIAAC gegenüber. Fast eine Million erwachsene Menschen können nicht ausreichend lesen, jedem Vierten dürften grundlegende Computerkenntnisse fehlen. Hinter diesen erschreckenden Zahlen steckt auch das Versagen eines elitären Schulsystems, welches – wie es Prof. Arnold Suppan in seinem Gastkommentar in der „Presse“ (28.11.) treffend beschreibt – eben bereits im 19.Jahrhundert (!) konzipiert wurde.

 

Diskriminierendes System

Aber reden wir konkret über das Gymnasium bzw. über die künftigen Nobelpreisträger, die ebenfalls angesprochen wurden. Unter jener Minderheit (<10%), die heute am allerschnellsten abschließt (neun Semester oder weniger), befinden sich Personen mit Studienberechtigungs- bzw. Berufsreifeprüfung gemeinsam mit HAK-Absolventen an der Spitze. Seien wir also froh, dass sich seit Thun-Hohenstein gerade in der Erwachsenenbildung viel getan hat. Und arbeiten wir lieber daran, auch „Spätberufenen“ mehr Chancen auf wissenschaftliche Karrieren einzuräumen.

• Zweitens: Um das österreichische Bildungsziel 2020 zumindest langfristig zu erreichen (mindestens 40Prozent Hochschulabschlüsse bei den 30- bis 34-Jährigen), ist eine Verbreiterung des Zugangs zu (höherer) Bildung unerlässlich. Dazu gehört v.a. eine möglichst späte Selektion, um Potenziale überhaupt erkennen und fördern zu können.

• Drittens: Welchen Schulabschluss ein Kind in Österreich macht, hat wenig mit Begabung zu tun. Schon vor der Geburt lassen sich nämlich ziemlich treffsichere Aussagen über die künftigen Bildungs- und Berufschancen formulieren. 77Prozent der Kinder von Akademikerinnen und Akademikern besuchen einmal die AHS, aber nur zwölf Prozent von Pflichtschulabsolventinnen und -absolventen. Ich nenne das ein diskriminierendes System.

• Viertens: Dass die AHS einen wesentlich besseren Ruf als die Hauptschule hat und gleichzeitig drei Mal mehr AHS-Schüler als Hauptschüler in (in der Regel) kostenpflichtige Privatschulen gehen können, ist ebenso Teil des Problems. Hier werden – wie beschrieben – über das Schulsystem soziale Ungleichheiten nicht nur fortgeführt, sondern massiv verstärkt.

Bildung wird zur Prestigefrage, zum Privileg, das natürlich viele wollen, aber nur wenige erreichen bzw. bezahlen können. Die Heftigkeit, mit der die bestehende Differenzierung im Schulwesen manchmal verteidigt wird, spiegelt auch diese Interessenslagen wider.

• Fünftens: Die Verknüpfung von Allgemeinbildung mit Optionen zur Orientierung und Spezialisierung ist demgegenüber tatsächlich ein völlig richtiger Grundgedanke. Ich habe selbst eine (Stief-)Tochter, die vom offenen System einer modularen Oberstufe profitiert und sich nicht mit 14 Jahren nach momentaner Neigung (und Laune) langfristig für einen Bildungsweg entscheiden musste. Doch warum sollte dieser Ansatz nicht für alle Jugendlichen im Rahmen einer gemeinsamen Schule gelten? Warum ist es demgegenüber sinnvoll, mit zehn Jahren eine Entscheidung zu treffen, die vielen Menschen genau diesen umfassenden Ansatz von Schulausbildung verwehrt?

 

Atemberaubende Ignoranz

• Sechstens: Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt, dass Österreich im Bereich eines sozial gerechten Bildungszugangs, gerade einmal auf Platz 24 von 31Industriestaaten liegt. Die österreichische Ignoranz gegenüber den so verlorenen Potenzialen – aber auch gegenüber den menschlichen Schicksalen – ist manchmal atemberaubend.

Mag. Dr. John Evers (*1970), Absolvent des zweiten Bildungswegs, ist Historiker und Erwachsenenbildner in Wien.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2013)

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