Wettbetrug: Und wer ist der Geschädigte?

Wettbüros, Wettteilnehmer, Wettmafia – wer verliert und wer profitiert von manipulierten Spielen? Sicher ist nur: Größter Verlierer des jetzigen Skandals um geschobene Partien ist mit Sicherheit der österreichische Sport.

Die Sportschlagzeilen berichten momentan leider nicht nur über österreichische Erfolge im Wintersport, sondern es überstürzen sich die Meldungen über tägliche Festnahmen, geschobene Spiele und finanziellen Schaden durch Wettbetrug in noch nicht bezifferbarer Höhe. Aber genau dieser Schaden stellt einige Fragen in den Raum. Denn wer eigentlich ist der Geschädigte bei einem Wettbetrug?

Aus juristischer Sicht gibt es hier Urteile im Zusammenhang mit der Affäre Hoyzer. Robert Hoyzer ist jener deutsche Schiedsrichter, der wegen Manipulationen unter anderem bei einem Cupspiel des HSV zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

Bei den Urteilen wurde ein entsprechender Quotenschaden der Wettanbieter bejaht. Ein Schadenersatz für Wettteilnehmer, die auf ein manipuliertes Spiel gewettet haben, wurde aber verneint, weil der Wettteilnehmer nicht in den Schutz der verletzten Normen einbezogen ist.

 

Massiver Schub durch Internet

Aber der juristische Aspekt ist gerade hier nur eine Seite der Medaille. Wir alle wissen, wie schwierig es oft ist, einen erlittenen Schaden auch gerichtlich durchzusetzen. Insbesondere in einem Bereich, wie es das Wetten ist, der sich in den vergangenen Jahren – vor allem durch das Internet – derart massiv entwickelt hat, wodurch die Gesetzgebung klarerweise etwas hinterherhinkt.

Allerdings zeigen die deutschen Entscheidungen schon, dass die Frage gar nicht so einfach zu beantworten ist. Es ist dabei immer der Einzelfall genau zu betrachten. So hängt es etwa natürlich davon ab, ob der Wettbetrug auch erfolgreich war.

Gerade die angesprochene Affäre um den Schiedsrichter Robert Hoyzer hat gezeigt, dass es gar nicht so einfach ist, die gewünschten Ergebnisse zu erzielen.

Obwohl wahrscheinlich der Referee von den Akteuren auf dem Platz derjenige ist, der die meisten Manipulationsmöglichkeiten hat, gelang ihm das gewünschte Ergebnis nur in vier von acht Versuchen. Aber selbst, wenn das Spiel so ausging, wie die Manipulatoren es wollten, muss dies nicht heißen, dass es nicht ohnehin diesen Ausgang gehabt hätte.

Ebenso geht es auch um die Höhe des Wetteinsatzes bei der Manipulation, denn eventuell hat diese die Wettquoten ja auch selbst massiv verändert. Wird etwa viel Geld auf eine Mannschaft gesetzt, wird sich automatisch auch die Quote ändern.

Gehen wir aber einmal vom einfachen Fall aus, dass der Wettbetrug erfolgreich war, das Spiel so ausging, wie es sich die Manipulatoren gewünscht haben, und die Quoten dadurch nicht beeinflusst wurden.

 

Die Rolle der Wettbüros

Zuerst sind einmal die Wettbüros zu beachten. Im Idealfall haben diese die Wetteinsätze entsprechend den Quoten verteilt. Wenn etwa bei einem Spiel Kapfenberg–Grödig auf Kapfenberg die Quote 1:2,2 stand und auf Grödig 1:1,6 und etwa 10.795 Euro auf dieses Spiel gesetzt wurden, wäre ein „ausgeglichenes Buch“, wenn auf Sieg Grödig 6.250 und auf Sieg Kapfenberg 4.545 Euro gesetzt worden wären. In dem Fall müssten unabhängig vom Ausgang 10.000 ausbezahlt werden, das Wettbüro hätte also 795 Euro Gewinn.

Wenn dem Wettbüro das gelang, dann wäre es auch durch eine etwaige Manipulation nicht betroffen, der Gewinn entsteht bei jedem Ausgang. Ist dies aber nicht gelungen – etwa, weil die manipulierte Wette erst sehr spät gesetzt wurde–, dann ist natürlich ein entsprechender Verlust zu beklagen.

Auch haben Wettbüros gerade bei Spielen, bei denen es einen klaren Favoriten gibt, meist keine entsprechende Verteilung, weil die vermeintlich hohen Quoten viele Spieler ansprechen. Gewinnt nun aufgrund der Manipulation der Außenseiter, führt dies zu Verlusten bei den Wettbüros und dies auch bei jenen, bei denen nicht die Akteure des Wettbetrugs oder deren Mittelsmänner gesetzt haben.

Unabhängig davon sind die Wettbüros aber in Folge auf jeden Fall als Verlierer zu sehen, da es sich zeigt, dass nach Aufkommen derartiger Fälle die Wetteinsätze immer deutlich zurückgehen.

Wenn die Wettbüros im Idealfall nicht verlieren, die „Wettbetrüger“ aber Kassa machen, dann muss natürlich jemand diese Gewinne finanzieren. Dies sind diejenigen Wettspieler, die auf den Wettausgang gesetzt haben, der ohne Manipulation der Fall gewesen wäre.

 

Ahnungslose Nutznießer

Diese Spieler hätten sonst die Wette gewonnen, so haben sie aber den Einsatz verloren. Angemerkt werden muss, dass aber natürlich auch Wettteilnehmer gewinnen, die – ohne von der Manipulation zu wissen – auf dieses Ergebnis getippt haben. Diese gewinnen nun, obwohl sie eigentlich den Einsatz verlieren müssten, und sind somit auch Nutznießer. Es gibt dabei sogar bereits ein neues Geschäftsmodell, bei dem Informationen über angeblich manipulierte Spiele verkauft werden, um hier die Wettchancen zu steigern.

Anzusprechen sind auch die Vereine als mögliche Verlierer. Führen die Manipulationen zu Niederlagen, so hat dies oft dramatische Auswirkungen, eventuell hängt sogar der Auf- oder Abstieg davon ab.

 

„Unfair Play“ in Österreich?

Allerdings sind Manipulationen oft Handicapwetten, bei der eine Mannschaft etwa höher verliert als vielleicht erwartet. Dabei scheint die Manipulation auch wesentlich einfacher. Denn jemanden, der ohnehin mit hoher Wahrscheinlichkeit verlieren wird, dazu zu bringen, dass er hoch verliert (nämlich über dem Handicap), ist sicher einfacher, als jemanden dazu zu bringen, dass er eine eigentlich sicher geglaubte Partie verliert. Dies hätte auf die Mannschaft meist keine dramatischen Auswirkungen.

Auch Ereigniswetten, etwa auf Eckbälle oder auf Gelbe Karten – also Wetten, die tatsächlich einfach manipulierbar erscheinen –, haben meist nur geringe Auswirkungen auf das Spiel und daher auch auf den Verein.

Aber selbst wenn die Vereine keinen sportlichen Schaden haben, ist es fatal, im Dunstkreis eines möglichen Wettbetrugs zu stehen, weil die Sponsoren dadurch aussteigen. „Wir haben damit nichts zu tun, zahlen aber den Preis“, sagte etwa der Manager eines betroffenen Klubs.

Aber nicht nur deswegen ist eines klar: Ganz unabhängig von diesen Überlegungen ist mit Sicherheit der größte Verlierer der österreichische Sport. Dies allein auch schon deshalb, weil jetzt der Verdacht aufkommt, dass die Aussage des deutschen Aufdeckerjournalisten Jürgen Roth in seinem Buch „Unfair Play“, dass „Fußball in Österreich massiv von der Mafia kontrolliert“ werde, tatsächlich wahr sein könnte.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR




Dipl.-Ing. Dr. Markus Knasmüller
(*1971) studierte Informatik und Wirtschaftsinformatik an der Johannes-Kepler-Universität Linz. Er ist Verfasser mehrerer Bücher und Fachartikel. Beim BMD Systemhaus in Steyr leitet er die Abteilung für Software-Entwicklung. Außerdem ist er gerichtlich zertifizierter Sachverständiger, unter anderem für Sportwetten. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2013)

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