Stammeskrieg im Südsudan?

Das Wort „Stammeskrieg“ entspricht Stereotypen, nicht der komplexen Realität Afrikas.

Für die gegenwärtigen Schwierigkeiten im jüngsten Staat der Welt haben die europäischen Medien die älteste Erklärung parat. Sie muss bei allen Kriegen, Konflikten, Ehestreitigkeiten und sogar bei Fußballausschreitungen auf dem afrikanischen Kontinent als Ursache herhalten: ethnische Differenzen.

Wie häufig bei näherer Betrachtung erweist sich solch simple Erklärung als simpel falsch. Derart eindimensional sind soziale Wirklichkeiten nicht, auch nicht in einem Staat, der seine Unabhängigkeit erst 2011 erlangte.

Was im Südsudan stattfindet, ist kein Stammeskrieg. Was stattfindet, sind Machtkämpfe wie zwischen dem Präsidenten und dem ehemaligen Vizepräsidenten, wobei Ersterer Letzteren absetzte. Solche undemokratischen Aktivitäten führen auch zu Kriegen, wenn die handelnden Persönlichkeiten nicht unterschiedlichen ethnischen Hintergrund haben.

Weder sind DIE Dinka und DIE Nuer jeweils eine homogene Gesellschaft. Beide Gruppen sind sprachlich und religiös heterogen, bei beiden gibt es Angehörige von verschiedenen christlichen oder afrikanischen Religionen oder sie praktizieren den Islam. Andererseits stehen einander Dinka und Nuer kulturell nahe, die wirtschaftliche Basis ist die Viehzucht. Und darin liegt auch schon das Potenzial für Differenzen.

Es geht um Ressourcen, um Siedlungsräume, um Weidegründe und um Vieh, die Streitigkeiten um Weiderechte sind uralt, Viehdiebstahl ein Männlichkeitsgehabe, das seit jeher Konflikte zwischen Verwandtschaftsgruppen befördern kann. Aber von der Rinderzucht allein kann ein Lokalverband nicht leben, deswegen wird auch Feldbau betrieben, den jedoch Dinka und Nuer – wie alle Viehzucht betreibenden Gesellschaften weltweit – zutiefst verachten. Die Streusiedlungen werden periodisch verlassen; immer dann, wenn die Äcker darum herum erschöpft sind, werden die Lehmhäuser mit Kegeldach andernorts neu errichtet. Heutzutage sind die Brachezeiten für die Böden durch Bevölkerungsdruck und Trockenheiten viel zu kurz, ökologische Probleme und Territorialkonflikte sind die Folge. Es geht demnach nicht nur um Vieh und Weiderechte, sondern auch um bebaubares Land.

Gestritten wird also nicht um Gene und Verwandtschaft, sondern um Ressourcen in kargen Lebensräumen. Aber je knapper die Angebote werden, umso hoch technisierter sind die Waffen.

Den Dinka, der größten Bevölkerungsgruppe im Lande, wird vorgeworfen zu dominieren. Dinka drängen die Nuer samt Vieh und Äckern in unwirtliche Randgebiete ab, sagen Nuer. Das wiederholt sich jetzt folgerichtig und wenig überraschend in der Politik.

Hinzu kommt das Übliche – historische Altlasten und gegenwärtige Unzulänglichkeiten: Teilen der Bevölkerung wird vorgehalten, dass sie in der Kolonialzeit mit den Briten zu eng kooperierten. Die jeweiligen Regierungen – die britische Kolonialmacht ebenso wie später die arabisch dominierte Politik in Khartoum – haben Differenzen zwischen verschiedenen Ethnien nach dem uralten und so oft erprobten Prinzip des „Teile und herrsche“ geschürt. Seit der Unabhängigkeit ringen die regionalen Funktionäre um Einfluss und Pfründe, den Ministerien des jungen Staates fehlt es an Erfahrung im Regieren und den Ämtern an Erfahrung im Administrieren. Staatliche Strukturen sind erst im Aufbau begriffen, zugleich aber schon bürokratisch kompliziert, Geldflüsse erfolgen wenig transparent, was zu Neid und Eifersüchteleien führt.

Es geht um Macht, Einfluss und Geld, es ist ein Ressourcenkonflikt mit ethnischen Komponenten. Das Wort „Stammeskrieg“ entspricht einem stereotypen Afrika-Verständnis, aber nicht der komplexen Wirklichkeit im postkolonialen Südsudan.


Ingrid Thurner ist Ethnologin, Lehrbeauftragte am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2014)

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