Ich qualitätssichere nicht, ich arbeite ...

Seit überall das „kompetenzorientierte Qualitätsmanagement“ wuchert, wird alles schwächer, schlechter, miserabler.

Ich bin eines der letzten Lebewesen auf diesem Planeten ohne Qualitätsmanagement – und das mit voller Absicht. Ich evaluiere nicht, ich dokumentiere nicht, und ich sitze auch niemals in Sitzungen oder Konferenzen. Alle Menschen, die ich kenne und die das tun (müssen), jammern mir vor, wie unglücklich sie das macht.

Die Gebildeten verwenden dann immer die Begriffe „Entfremdung“ und „Selbstentfremdung“ und erklären, dass das „Qualitätsmanagement“ die Menschen von ihrem Tun (ihrer Arbeit) entfremdet, aber auch von ihren Mitmenschen. Vor lauter Tätigkeitsberichtsschreiben kommen diese Menschen nicht mehr zu den Tätigkeiten, geschweige denn zur Tat. Mit Ausnahme der Worthülsner und Papperlappisierer verfehlen alle ihre Berufe.

Vor lauter Evaluieren und Dokumentieren kommen die Pflegerinnen und Pfleger nicht mehr zum Pflegen, die Lehrer nicht mehr zum Lehren, die Ärzte nicht mehr zum Behandeln, die Wissenschaftler nicht mehr zum Forschen, die Dienstleister nicht mehr zum Dienstleisten, die Katholiken nicht mehr zur Nächstenliebe, die Sozialisten nicht mehr zum Sozialsein.

Alle stöhnen, alle füllen unablässig irgendwelche elendslangen kleingedruckten Listen und Fragebögen aus, die kein Mensch jemals lesen wird. Alle diese stumpfsinnigen (Kompetenzsicherungs-)Listen und (Qualitätssicherungs-)Fragebögen füllen sie im Namen einer mystischen Pseudoobjektivierung aus, die nichts anders ist und sein kann als ziselierte Subjektivität – bloß damit jedes banale Büro heute „Kompetenzzentrum“ heißen kann: Millionen und Abermillionen verschlingende heiße Luft.

 

Erzwungene Wichtigtuerei

Vor lauter erzwungener Wichtigtuerei kommen die Menschen nicht mehr dazu, irgendetwas Wichtiges zu tun, vor lauter Bedeutungsheuchelei nicht mehr zu irgendetwas Bedeutendem, vor lauter Arbeitsschauspielerei nicht mehr zu einer Arbeit und vor lauter Selbst-PR nicht mehr zu sich selbst! Nie haben Verwaltung und Vergewaltigung ähnlicher geklungen!

Noch nie war in sämtlichen Bereichen des öffentlichen Lebens so oft und so penetrant von „Qualität“ und „Kompetenz“ die Rede, während Qualität und Kompetenz überall dramatisch nachlassen, weil man sich – Folge der Entfremdung – in seinem Leben als Mensch nicht mehr wiedererkennt.

 

Selbst gebastelte Witztitel

Es fängt in der Schule an: Mathematikschularbeiten sind heute Schwedenrätsel: Man darf nicht mehr rechnen, sondern nur noch ankreuzen, ob eine vorgegebene Rechnung richtig oder falsch ist. Die pädagogische Botschaft ist klar: Sei unproduktiv! Sei unkreativ! Sei passiv! So standardisiert bist du am leichtesten zu verwalten/unterjochen!

Jede vormals sinn- und identitätsstiftende Tätigkeit wird durch den steigenden Grad der Entfremdung als unsinnig und belastend empfunden. Somit bewirkt das überall eingeführte Qualitätsmanagement genau das Gegenteil dessen, wozu es eigentlich eingeführt wurde – nämlich, dass alles schwächer, schlechter, miserabler wird und die Menschen unzufriedener und unglücklicher. Glück und Zufriedenheit können in dieser dekadenten Bürokratengesellschaft freilich keine Kriterien mehr sein.

Ich verweigere alle Spezialseminare sämtlicher Spezialreferenten mit selbst gebastelten Witztiteln (Lebensqualitätsdesigner, Megametatrainer ...). Ich verweigere Career Workshops und wertorientierte Kompetenzanalysen, Initiativbewerbungen oder Selbstpräsentationen. Das Netzwerken überlasse ich den Fischern in Grado. Ich bin keine Ich-AG, ich bin ich. Keine Aktien. Keine Gesellschaft. Ich grundkompetenzorientiere mich nicht. Ich qualitätssichere nicht. Ich evaluiere nicht. Ich dokumentiere nicht. Ich organisationsentwickle nicht. Ich schaffe ein Werk.

Egyd Gstättner (geb. 1962) studierte Germanistik und Philosophie. Er ist Schriftsteller und Essayist. Sein neuestes Buch: „Das Geisterschiff. Ein Künstlerroman“ (Picus).

 


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2014)

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