Indiens Frauen zeigen Wagemut und Kampfgeist

Was Sexismus und Vergewaltigungen betrifft, nimmt Indien eine besonders negative Rolle ein. Endlich regt sich Widerstand.

Manchmal gelingt Ländern ein gewaltiger Sprung nach vorn, der dann alle anderen dazu zwingt, davon Notiz zu nehmen. Hinsichtlich eines sehr kritischen Themas – sexuelle Belästigung und Vergewaltigung – nimmt Indien mittlerweile eine besonders negative Rolle ein. Nach einer Reihe an brutalen Vergewaltigungen, die in aller Welt Schlagzeilen gemacht haben, setzen sich indische Frauen mittlerweile in radikaler, innovativer und bisher nie da gewesener Weise zur Wehr.

Die Angriffe auf Frauen nehmen kein Ende und erfolgen wahllos. Unter den nicht aus Indien stammenden Vergewaltigungsopfern der letzten Zeit befinden sich eine 51-jährige dänische Touristin und eine 18-jährige deutsche Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation.

Doch auch die indischen Medien berichten inzwischen laufend und in beispielloser Weise über diese Fälle. Mitte Jänner brachte das Wochenmagazin „The Week“ einen Bericht über den Fall von Suzette Jordan, einer 39 Jahre alten anglo-indischen Mutter zweier Kinder aus Kalkutta, die einen Vorfall überlebte, der einem mittlerweile sattsam bekannten Muster folgte. 2012 nahm sie in einer Bar ein Getränk zu sich und war einverstanden, sich von einem Mann, den sie gerade kennengelernt hatte, nach Hause bringen zu lassen.

 

Politisierung eines Problems

Als sie ins Auto steigen wollte, drängten sich vier weitere Männer in den Wagen. Sie steckten ihr ein Gewehr in den Mund, schlugen sie brutal, vergewaltigten sie und warfen sie anschließend auf offener Straße aus dem Auto.

Ihre Anzeige des Verbrechens brachte ihr neue Vorwürfe ein: Die für ihren Wahlkreis zuständige Parlamentsabgeordnete Kakoli Ghosh Dastidar bezeichnete die Vergewaltigung als „Geschäft, das schiefgelaufen“ ist. Ein weiterer Minister bezeichnete den Vorfall als „frei erfundene Geschichte“. Doch Jordan kämpfte weiter, und mittlerweile läuft ein Verfahren. Außerdem gründete sie eine Gruppe zur Unterstützung der Überlebenden von Vergewaltigungen.

Das Ausmaß sexueller Gewalt gegen Frauen in Indien ist nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist vielmehr, dass nun die Medien des Landes über dieses Thema als brennendes soziales Problem berichten und es nicht unter den Teppich kehren. Und auch Frauen selbst betreiben die Politisierung dieser Frage, statt sich selbst zu beschuldigen, zu freundlich, nicht vorsichtig genug oder zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. Diese Frauen – und die Männer, die sie unterstützen – stehen in einer Weise gegen Vergewaltigung auf, die für den Rest der Welt Vorbild sein sollte.

Die indischen Vergewaltigungsgesetze wurden infolge der Vergewaltigung und Ermordung von Bhanwari Devi im Jahr 2011 geändert. Die 36-jährige Hebamme hatte Anschuldigungen hinsichtlich sexuellen Fehlverhaltens geäußert, die auch hochrangige Persönlichkeiten aus der Politik betrafen.

Indische Aktivisten verweisen hingegen oft auf den Fall einer anderen Bhanwari Devi als Wendepunkt. Sie wurde 1992 Opfer einer Gruppenvergewaltigung, und ihr Verfahren mündete 1997 in das Vishaka-Urteil des indischen Obersten Gerichtshofs, in dem Richtlinien zur Verhinderung sexueller Belästigung am Arbeitsplatz dargelegt wurden.

Angesichts des zunehmenden Drucks legislative Maßnahmen betreffend verabschiedete Indien im vergangenen Jahr schließlich ein Gesetz über das Verbot sexueller Belästigung am Arbeitsplatz.

Vielleicht rührt die Radikalität der indischen Frauen zum Teil von jenem Geist roher Bestrafung her, in dem manche Vergewaltigungen verübt werden – will heißen, dass sie als Waffe eingesetzt werden oder als Mittel, um soziale Kontrolle durchzusetzen.

 

Extreme Gewaltanwendung

Indien steht gerade unter dem Eindruck von Berichten über eine 20-jährige Frau, die von 13 Männern vergewaltigt wurde, nachdem ein Dorfgericht in Westbengalen dies als Strafe für ihre Beziehung zu einem Mann aus einem anderen Dorf angeordnet hatte.

Ein anderer Teil dieses radikalen Vorgehens der Frauen könnte auch mit der extremen Gewalt bei vielen dieser Vergewaltigungen zusammenhängen. Demonstranten in Kalkutta beispielsweise protestierten jüngst wegen der Vergewaltigung und Ermordung eines Teenagermädchens in Kamduni im vergangenen Jahr. Kurz nachdem das Mädchen die Vergewaltigung angezeigt hatte, wurde es verbrannt – wobei manche glauben, dass dies als Strafe für die Anzeige geschah.

Ein weiterer aktueller Fall einer sich zur Wehr setzenden indischen Frau zeigt, wie richtungsweisend dieser Widerstandsgeist sein kann. Die Tageszeitung „The Hindu“ berichtete kürzlich vom Fall der 24-jährigen Rechtsanwältin Anima Muyarath, deren Mitgliedschaft in der Anwaltskammer Kozhikode ausgesetzt wurde, nachdem sie auf ihrer Facebook-Seite über sexistisches Verhalten ihrer männlichen Vorgesetzten am Arbeitsplatz gepostet hatte.

 

Empörender Maulkorberlass

Anima Muyarath wird mittlerweile von Indira Jaising, der ersten stellvertretenden Generalstaatsanwältin Indiens, unterstützt. Jaising verteidigt auch noch eine andere tapfere junge Anwältin: eine ehemalige Rechtspraktikantin, die Vorwürfe sexueller Belästigung gegen den pensionierten Richter am Obersten Gerichtshof, Swatanter Kumar, vorgebracht hatte.

Unglaublicherweise nahm sich der Oberste Gerichtshof seiner selbst an und verbat den Medien die Berichterstattung in diesem Fall. Dieser dramatische und empörende Maulkorberlass, der Journalisten daran hinderte, über eine Sache zu berichten, die keinerlei Geheimhaltung unterliegt und von öffentlichem Interesse ist, führte zu wütenden Protesten der indischen Redakteursvereinigung gegen einen von ihr so bezeichneten „ungerechtfertigten Eingriff in die Pressefreiheit“. Die Nachrichtensperre funktionierte allerdings: Am Ende der betreffenden Woche war es unmöglich, die Geschichte weiter zu verfolgen.

In ganz Indien ist heute ein feministischer Kampf von den höchsten Kreisen bis hinunter an die Basis zu beobachten. Frauen in hohen Anwaltspositionen protestieren mutig gegen Misshandlung und Belästigung, indem sie tun, was ich schon lange für notwendig halte und fordere:

 

Die Täter öffentlich benennen

Sie nennen öffentlich Namen – auch wenn mächtige Männerzirkel die Kommunikation verweigern und Wutanfälle inszenieren. Und die Frauen auf der Straße protestieren gegen die Gewalt, die ihnen von Fremden, Nachbarn oder Bekannten angetan wird – und konfrontieren damit Polizei und offizielle Vertreter, die Derartiges bisher stillschweigend dulden.

Es mag nicht ganz klar sein, was die indischen Frauen so mutig und nachdrücklich kämpferisch macht. Doch das sollte uns nicht davon abhalten, uns an ihrer Courage und ihrem strategischen Wagemut ein Beispiel zu nehmen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

 

Copyright: Project Syndicate, 2014.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DIE AUTORIN




Naomi Wolf
(*1962 in San Francisco) studierte englische Literatur an der Yale University und war Rhodes-Stipendiatin an der Oxford University. Sie ist Schriftstellerin, politische Aktivistin und gilt als führende Vertreterin der sogenannten dritten Welle des Feminismus. Auf Deutsch ist zuletzt von ihr erschienen: „Vagina. Eine Geschichte der Weiblichkeit“ (Rowohlt). [ Project Syndicate]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2014)

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