Auslöser und Ursache nicht verwechseln

Ökonomen sind gut in der Konstruktion abstrakter Theorien, aber schlecht im Begreifen des Konkreten.

Die Ursache der aktuellen Finanzkrise wurde rasch gefunden: Banken und Hedge Fonds haben sich an „faulen“ Hypothekarkrediten in den USA beteiligt („subprime mortgages“). Ein (vorerst) geringer Rückgang der Immobilienpreise sowie ein im Vergleich zum Immobilienboom hohes US-Zinsniveau genügten, um einige dieser Kredite (vorerst) uneinbringlich zu machen. Folge: Eine Vertrauenskrise im Bankensektor und fallende Kurse auf den Aktienbörsen.

Allerdings: Diese Entwicklung ist nicht Ursache, sondern lediglich Auslöser der Krise. Hauptursache des Kursverfalls ist ihr Boom der letzten Jahre: Seit März 2003 ist etwa der DAX um mehr als 350% gestiegen, der ATX fast um (groteske) 500%. Je länger ein solcher „bull market“ andauert, desto wahrscheinlicher wird ein Kippen in einen „bear market“ (die Kurseinbrüche vom März und Juni 2007 waren Vorboten). Professionelle „Investoren“ warten nur mehr auf einen Auslöser, um von „long“ auf „short“ zu wechseln. Die Kurse fallen dann noch rascher, als sie zuvor gestiegen waren, wer rechtzeitig darauf setzt, macht hohe Gewinne (und verstärkt des Abwärtstrend). So wurden zwischen 2000 und 2003 in Deutschland fast die gesamten Kursgewinne der 90er-Jahre eliminiert.


„Manisch-depressive“ Schwankungen

Was sind die Ursachen dieser „manisch-depressiven“ Schwankungen, welche die wichtigsten Preise in der Weltwirtschaft erfasst haben, nämlich jene, die in Zeit und Raum die Real- und Finanzwirtschaft miteinander „verknüpfen“ (Aktienkurse, Wechselkurse, Zinssätze, Rohstoffpreise)?
1)Die Deregulierung der Finanzmärkte in den 70er-Jahren und die Schaffung neuer Spekulationsinstrumente in den 80er-Jahren („Finanzinnovationen“, besonders Futures und Optionen) eröffneten immer mehr Gewinnchancen für kurzfristig-spekulative Transaktionen.
2)Spekulatives „trading“, die Instabilität von Aktien- und Wechselkursen sowie Rohstoffpreisen (insbesondere von Erdöl) und die Chancen ihrer profitablen Ausnutzung stiegen in Wechselwirkung an.
3)„Technische“ Spekulationssysteme (Charts, gleitende Durchschnitte etc.) fanden weitere Verbreitung. Diese setzen auf Preistrends („trend followers“) und verstärken so die Trends (Rückkoppelung). Internet und „trading software“ verstärkten diese Entwicklung.
4)Die „Renditeansprüchlichkeit“ der (großen) Unternehmen stieg, Realinvestitionen wurden entsprechend reduziert, „Finanzinvestitionen“ ausgeweitet.
5)Immer mehr „Amateure“ wurden von den Verlockungen des „schnellen Geldes“ erfasst. Die Banken bemühten sich, dieses Interesse durch „Spekulationsseminare“ zu fördern. (Kürzlich ging ich zu einer solchen Veranstaltung einer großen österreichischen Bank: Ich fand mich in einem vollen Saal des „Austria Center“ mit 1700 Amateuren wieder, welche andächtig einem US-Trader lauschten. Dieser zeigte ihnen am Beispiel vergangener Trends, wie leicht jeder hätte Profit machen können, wenn er am Beginn eingestiegen und am Ende ausgestiegen wäre – ich habe noch selten einen größeren Schwachsinn gehört, im Vorhinein weiß man ja nicht, ob sich ein Trend entwickeln wird.)
6)All diese Entwicklungen führten dazu, dass derzeit der Wert aller Finanztransaktionen in Industrieländern mehr als das Hundertfache (!) des nominellen BIP beträgt. Gleichzeitig nehmen kurzfristige Kursschübe zu, die sich zu „bull markets“ bzw. „bear markets“ akkumulieren.

Zusammengefasst: Die Illusion, dass „Geld arbeitet“, hat sich immer mehr ausgebreitet. Tatsächlich „arbeitet“ es aber nur auf zwei Weisen, durch Schaffung von Bewertungsgewinnen (z. B.: als Folge „überschießender“ Aktienkurse, denen freilich „Korrekturen“ folgen) und durch Umverteilung zwischen guten Tradern (in der Regel die Profis) und weniger guten (in der Regel die Amateure). Ein Beispiel für beide Effekte: Jene Profis (Analysten etc.), die derzeit die Kleinanleger beschwören, nur nicht die Nerven zu verlieren, reduzieren gerade ihr Aktienportefeuille.

Das Zusammenwirken all dieser Entwicklungen wird von Mainstream-Ökonomen ignoriert. Erich Streissler meinte kürzlich in diesem Blatt, Ökonomen seien eben dumm. Abgesehen von der feinsinnigen Anspielung auf Epimenides' Paradox vom „lügnerischen Kreter“ (ein Ökonom erklärt: „Alle Ökonomen sind dumm“), diese Erklärung reicht nicht aus. Denn intelligent sind sie ja, „die“ Ökonomen, vielleicht sogar zu sehr: gut in der Konstruktion abstrakter Theorien (mit legitimatorischen „Nebenwirkungen“), schlecht im Begreifen des Konkreten.

Ich denke: Der ökonomische Mainstream kann die Transformation vom „realkapitalistischen“ Regime der ersten Hälfte der Nachkriegszeit zum „Finanzkapitalismus“ der letzten 30 Jahre deshalb nicht wahrnehmen, weil die damit verbundene „kognitive Dissonanz“ unerträglich ist. Wenn nämlich die „freiesten“ aller Märkte, die Finanzmärkte, „manisch-depressive“ Schwankungen produzieren, also systematisch falsche Preissignale setzen, dann kollabiert das gesamte Theoriegebäude. Dieses aber hat man in mühevollster Restaurationsarbeit wieder aufgerichtet.


Den alten Keynes ausgraben?

Man stelle sich vor: Alle „gängigen“ Empfehlungen für die Wirtschaftspolitik, von der Senkung der Arbeitslosenunterstützung, der Rückführung der Staatsquote bis zur Förderung der kapitalgedeckten Altersvorsorge, sie alle hätten ihre wissenschaftliche Fundierung verloren! Denn sie beruhen auf einer Theorie, die nur gültig ist, wenn die „unsichtbare Hand“ auf allen Märkten ihre effiziente Wirkung entfaltet. Ja, am Ende müsste man sogar den alten Keynes ausgraben, dessen Grab man mit solcher Mühe immer wieder zugeschüttet hat! Da schaut man lieber weg und schreitet mit festem Expertentritt in der Sackgasse voran. An ihrem Ende könnte es krachen, die Köpfe werden sich aber andere blutig schlagen, die Ökonomen sicher nicht.

Dr. Stephan Schulmeister ist Wirtschaftsforscher in Wien. Forschungsschwerpunkte u. a. Globalisierung, Wohlfahrtsstaat und Staatsverschuldung.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2007)

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