Worin unsere Wirtschaftskrise wirklich wurzelt

Die Geldpolitik ist die wahre Ursache der Finanzkrise und der Inflation.

Die derzeit wichtigsten Wirtschaftsprobleme gehen auf die gleiche Ursache zurück: die Geldpolitik der Notenbanken. Heute werden viele Gründe angeboten, doch ohne Mitwirkung der Geldpolitik wären Finanzkrise und Inflation nicht zustande gekommen. Die Geldmenge im Euro-Gebiet steigt seit 2004 immer rascher, von vier auf zwölf Prozent pro Jahr!

Die übrigen Begründungen sind nicht schlüssig. Wieso sollte die Moral der Kaufleute gesunken sein? Als Anfang des 16.Jahrhunderts die Preise zu steigen begannen, predigte man von den Kanzeln, dass die Kaufleute wieder „christliche, gerechte“ Preise verlangen sollten. In Wahrheit war das nach der Entdeckung Amerikas nach Europa kommende Silber und Gold die Ursache für die Inflation. Zu hohe Budgetdefizite waren zwar oft die Ursache für Inflationen, aber nur, wenn sie durch die Schaffung von neuem Geld finanziert wurden. Steigende Löhne können nur dann zur Inflation führen, wenn die Nachfrage durch neu geschaffenes Geld ausgeweitet wird; reicht die Nachfragesteigerung nicht aus, kommt es zu Arbeitslosigkeit, aber nicht Inflation.


Ölpreise stiegen wegen Inflation

Finanzkrisen können durch ein besseres Risikomanagement der Banken nicht vermieden werden, denn die Banken können nicht die sprunghaften Änderungen der Geldpolitik vorhersehen, die einmal die Inflation anheizt, dann wieder stark bremst. Steigende Preise im Ausland werden gern als Ursache angeführt. Aber selbst die Ölpreise sind wegen der Inflation gestiegen und nicht umgekehrt. Für Österreich gilt allerdings, dass die Inflation nicht hausgemacht ist, denn die Geldmenge wurde von der Europäischen Zentralbank (EZB) vermehrt. In der Schweiz, die ihre Geldpolitik selbst bestimmt und auf ihre Wirtschaft abstimmt, ist deshalb die Inflation niedriger. Die EZB versucht, den Durchschnitt der Inflationen in den einzelnen Euro-Ländern unter zwei Prozent zu halten (was ihr bisher nicht gelungen ist), in einzelnen Ländern variieren die Inflationsraten zwischen kaum einem bis über vier Prozent und werden jetzt mit steigender Durchschnitts-Inflationsrate noch höhere Einzelwerte erreichen. Die höheren Inflationsraten in einzelnen Ländern können der EZB nicht angelastet werden, sie liegen im System einer Währungsunion von vielen sehr unterschiedlichen Volkswirtschaften.

Selbst mit einer Schuldzuweisung für die Inflation an die Zentralbankleitungen muss man vorsichtig sein. Weder über die Inflationsprognosen, die Wirkungen von Notenbank-Maßnahmen noch über die Höhe einer „optimalen“ Inflationsrate ist man sich einig. Dadurch können sich Politik und Interessenvertreter in ihren kurzsichtigen Forderungen nach niedrigeren Zinsen auf einzelne Ökonomen berufen, während die Verlierer einer Inflation nicht ausreichend zu Wort kommen. Die US-Notenbank ist sogar verpflichtet, neben der Vermeidung einer Inflation niedrige Zinssätze anzustreben – ein Widerspruch in sich.


Weise österreichische Ökonomen

So wie eine Inflation nur entstehen kann, wenn die Geldmenge übermäßig zunimmt, ist ein großer Teil der Finanzkrisen durch die Geld- und Währungspolitik verursacht. Am deutlichsten ist das in einem System fixer Wechselkurse zu erkennen, in dem der Kurs zu lang gegen den Markttrend hochgehalten und dann doch stark abgewertet wurde. Die meisten Börsen-, Banken- und Immobilienkrisen entstehen durch zu starke Ausweitung der Geldmenge durch niedrige Zinssätze, die zu verstärkten Investitionen und auf den Wertpapier- und Immobilienmärkten zu „Blasen“ führt. Erst nach gewisser Zeit reagieren die Verbraucherpreise auf die Geldausweitung. Erst wenn sie steigen, beginnt die Geldpolitik mit der Bremsung durch Zinserhöhungen, die dann zu Krisen führt. Die Krise wird also nicht durch zu hohe Zinsen bewirkt, sondern durch zu niedrige Zinsen im Aufschwung.

Diesen Ablauf haben die Ökonomen der Österreichischen Schule aufgedeckt („Österreichische Konjunkturtheorie“). Sie sahen die Ursache für die Krisen in der Geldvermehrung im Aufschwung, die die Investitionen zu stark ausweitet, die nicht durch Sparen gedeckt werden. Sie vernachlässigten allerdings die Wirkungen der Geldvermehrung auf die Vermögenswerte. Die vorherrschende monetaristische Schule (Milton Friedman) sieht die Verbraucherpreissteigerungen, vernachlässigte aber die Änderungen in der Produktionsstruktur (zu hohe Investitionen im Aufschwung). Allerdings hat sich in der letzten Zeit ein Lernprozess ergeben. Die Geldpolitik hat begonnen, Vermögenspreissteigerungen und Verzerrungen in der Produktionsstruktur zu berücksichtigen. Man kann also hoffen, dass die Geldpolitik in Zukunft vorsichtiger agiert. Für die jetzige Finanzkrise kommt die Erkenntnis allerdings zu spät.


Immobilienkrise hat alte Wurzeln

Die Ursache der heutigen Immobilien-Finanzkrise lässt sich bis zum Jahr 1987 zurückverfolgen. Damals war der Aktienmarkt zusammengebrochen und die US-Zentralbank senkte die Zinsen, um die Auswirkungen auf die Konjunktur zu mildern. Die niedrigen Zinssätze bewirkten einen Aufschwung, der ab Mitte der 90er-Jahre immer stärker wurde. Der damalige Präsident der Federal Reserve Bank, Greenspan, ein guter Kenner der Österreichischen Konjunkturtheorie, warnte bereits 1996, dass die Aktienmärkte eine Blase entwickeln. Das war bei einem Stand des Dow Jones von 6000, der sich bis 2000 fast verdoppelte, auch deshalb, weil den Worten Greenspans keine ausreichenden Taten folgten. Die entstandene Blase platzte, als die Übertreibungen, vor allem im IT-Sektor, immer deutlicher wurden und die Geldpolitik zu bremsen begann. Nach dem Platzen der Blase mit ihren starken Kursrückgängen begannen die Notenbanken wieder, wie 1987, mit einer Niedrigzinspolitik, die sie auch nach der Wiederbelebung der Konjunktur 2003 fortsetzten. Den Aktienbörsen saß noch der Schock vom Jahr 2000 im Hals, es kam nicht gleich wieder zu Übertreibungen. Dafür begann die Kreditausweitung am Immobilienmarkt. Durch die niedrigen Zinssätze und damit steigenden Häuserpreisen begann die übermäßige Verschuldung.


Die Rolle der Hypotheken in den USA

Allerdings waren drei Faktoren in den USA wirksam, die die Krise verstärkten. Die Beleihungsgrenze für Hypotheken ist nicht so begrenzt wie in vielen europäischen Staaten, z. B. in Österreich. Es gibt auch keine so strikte Aufsicht über die Emission von Pfandbriefen. Schließlich wurde das in den USA nach der Weltwirtschaftskrise erlassene Verbot des Wertpapierkaufs durch Banken so gelockert, dass die Banken diese Hypotheken finanzierten. Wenn die Käufer von Pfandbriefen die Hypotheken finanzieren, verlieren zwar die Pfandbriefgläubiger Geld, aber die Banken werden nicht gefährdet. Wertpapierkäufe, besonders Aktienkäufe von Banken, bedeuten ein zu großes Risiko für Banken, wie die Weltwirtschaftskrise mit dem Zusammenbruch der Creditanstalt gezeigt hat. Sie kollabierte vor allem deshalb, weil ihre Konzernbetriebe im Konjunktureinbruch große Verluste machten. Selbst in diesem Fall kann man aber nicht nur das Bankmanagement verantwortlich machen. Denn der Konjunktureinbruch war durch die Geldpolitik verursacht, die im Aufschwung nicht rechtzeitig gebremst hatte.


Inflationistischen Aufschwung verhindern

Dazu kam, dass die Geldpolitik im Konjunktureinbruch und der Bankenkrise falsch reagierte. Nach den Regeln von Bagehot (einem englischen Banker, der 1873 über Finanzkrisen schrieb) hätte die Notenbank bei Liquiditätsschwierigkeiten, die das gesamte Bankensystem gefährdeten, Liquidität, d. h. Zentralbankgeld, schaffen müssen. Stattdessen erhöhte sie die Zinsen und verknappte die Liquidität weiter. Diesen Fehler machten die Notenbanken in der Immobilien-Finanzkrise nicht. Allerdings, die Schaffung von zusätzlichem Zentralbankgeld kann leicht zu inflationistischer Ausweitung der Geldmenge führen. Das Zentralbankgeld vermehrt zwar nicht unmittelbar die Geldmenge, weil es nicht in den Geldkreislauf fließt. Die Banken können aber aufgrund ihrer höheren Liquiditätsbestände leichter Kredite gewähren, die dann die Geldmenge vermehren.

Vielleicht kann man aber auch in diesem Fall hoffen, dass aus den Krisen von 1987 und 2000 die nötigen Schlüsse für die Geldpolitik gezogen werden und – entgegen den Forderungen nach niedrigen Zinssätzen – rechtzeitig ein neuer inflationistischer Aufschwung verhindert wird.

Dr. Karl Socher ist em. Professor am Institut für Wirtschaftstheorie, -politik und -geschichte an der Fakultät für Volkswirtschaft u. Statistik der Uni Innsbruck.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2008)

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