Die wahre „Stunde Null“ Europas war schon 1914

Der 28. Juni 1914 wäre besser geeignet als der 8. Mai 1945, den Beginn des heutigen europäischen Projektes zu markieren.

Im Selbstverständnis der Europäischen Union ist die Geschichte der europäischen Integration mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Wiederaufbau nach Kriegsende verknüpft. Der 8. Mai 1945 gilt als „Stunde Null“ Europas. Aber der 28. Juni 1914 wäre besser geeignet, den Beginn des heutigen europäischen Projektes zu markieren.

Allerdings ist dieser 28. Juni ein schwierigeres, unbequemeres Datum: Hat „Europa“ am 8. Mai 1945 begonnen, so lässt es sich als eine Geschichte des wirtschaftlichen Erfolges, politischer Stabilität und des Fortschritts verstehen.

Zwar erkennt die Beschwörung des „Friedensprojekts Europa“ an, dass der Zweite Weltkrieg und die Zerstörung des Kontinents den Hintergrund für die Integration Europas bilden. Doch wird zu leicht übersehen, dass die Bedeutung der Periode zwischen 1914 und 1945 für die Konstruktion des heutigen Europas über die einer Vorgeschichte hinausreicht.

Ohne 1914 und den Zerfall der alten Ordnung wäre das Bemühen um europäische Integration unmöglich gewesen. Zudem war 1945 nicht nur von Brüchen, sondern auch von Kontinuitäten geprägt. Somit war 1945 nicht nur eine Stunde Null, sondern gleichzeitig eine Fortsetzung vieler Politiken der Zeit des Zweiten Weltkrieges.

 

Fortsetzung alter Politiken

Nach 1945 kehrte nicht der Frieden in Europa ein, sondern die Politik des Krieges setzte sich fort – sei es in Gestalt von Bürgerkriegen, etwa in Griechenland; sei es durch Vertreibungen, nicht nur von Deutschen, sondern auch von Polen und Ukrainern; seien es Pogrome gegen Juden oder sei es die kollektive Bestrafung von echten und vermeintlichen Kollaborateuren.

Der wirtschaftliche Aufstieg Europas begann erst später, und aus der Sicht von 1946 oder 1947 war kaum absehbar, dass demokratische Staaten entstehen könnten, die den Wert des Menschenlebens anerkennen, nachdem während vieler Jahre Menschenleben für viele Regime in Europa einen sehr niedrigen Wert hatten.

Das Europa nach 1945 war auch ein Produkt der Politik Hitlers und Stalins. Ein Großteil der jüdischen Bevölkerung war dem Holocaust zum Opfer gefallen, und als Folge von Pogromen und der Feindseligkeit der europäischen Mehrheitsbevölkerung hatten viele Überlebende Europa verlassen. Millionen von Angehörigen anderer Minderheiten wurden während und nach dem Krieg vertrieben.

Das Europa, das sich nach dem Krieg herausbildete, war von homogeneren Nationalstaaten geprägt. Es wäre zu einfach, zu behaupten, dass es Nationalstaaten ohne „störende“ Minderheiten leichter fiel, zu kooperieren, als den Staaten der Zwischenkriegszeit mit großen Minderheiten und irredentistischer Politik der Nachbarn. Es ist jedoch nicht ohne Ironie, dass die Schaffung der „Grundlagen für einen immer engeren Zusammenschluss der europäischen Völker“, wie es in den Römer Verträgen von 1957 heißt, auch auf den Fundamenten einer stark beschädigten europäischen Vielfalt und Komplexität beginnt.

Die europäische Einigung bildet jedenfalls kein optimistisches Projekt nach Art des „amerikanischen Traums,“ der an (fast) unbegrenzte Möglichkeiten glaubt. Die europäische Einigung hatte das Menetekel der Zerstörung vor Augen. Staaten und Ideologien hatten Menschen zu Objekten degradiert.

So wurde die EU auf der Grundlage besorgten Wissens um das menschliche Zerstörungspotenzial gegründet. Sie ist im Grunde vom Pessimismus geprägt. Ihr größter Erfolg besteht nicht im Erreichten, sondern in der Vermeidung dessen, was sich nicht wiederholen darf: Krieg.

Europäische Integration als Friedensprojekt wirkt deshalb heute als Worthülse, weil die Stunde Null der EU nicht 1914, sondern 1945 angesetzt wird. Doch warum 1914 und nicht ein anderes Datum wie beispielsweise 1939, der Beginn des Zweiten Weltkriegs?

 

Der Beginn der Zerstörung

Als Gavrilo Princip am 28. Juni die tödlichen Schüsse in Sarajevo abgab, konnte er nicht ahnen, welche Folgen seine Tat haben würde. Die Ermordung Franz Ferdinands war nur der Auslöser, der die alte europäische Ordnung zu Fall bringen sollte. Bis zum Beginn der europäischen Einigung in den 1950er-Jahren konnte sich keine neue Struktur in Europa bilden, die Stabilität und Berechenbarkeit bot.

Somit begann 1914 eine Zerstörung Europas in zweierlei Hinsicht, die sich über die folgenden 31 Jahre erstreckte. Zunächst scheiterte das Gleichgewicht der europäischen Mächte an einer gefährlichen Mischung aus Umkreisungsängsten und Großmachtfantasien. Weniger als zwei Jahrzehnte später wurde der Kontinent vom nationalsozialistischen Deutschland in einem bis dahin unvorstellbaren Ausmaß zerstört.

Die Debatten um den Beginn des Ersten Weltkrieges im heurigen Gedenkjahr zeigen, wie umstritten und politisiert die Kriegsursachen sind. Die Ursprünge des Zweiten Weltkriegs und die Frage der Verantwortung für diesen Krieg aber sind weitgehend unkontroversiell.

 

Nationalistische Denkmuster

Dagegen tauchen immer noch nationale und nationalistische Denkmuster auf, wenn es um die Interpretation der Anfänge des Ersten Weltkrieges geht. Symptomatisch hierfür sind die Gedenkfeiern in Bosnien in diesen Tagen. Neben der innerbosnischen Politisierung mit Gedenkveranstaltungen sowohl in Sarajevo wie in Andrićgrad in der Republika Srpska, haben auch die europäischen Botschaften vor Ort das Gedenken politisiert.

Wenn wir über die Zukunft der europäischen Integration nachdenken, so müssen wir nicht 1945, sondern drei Jahrzehnte früher, 1914 ansetzen. Dieses Jahr steht jedoch nicht für Versöhnung, sondern für eine Zerstörung, die später die europäische Integration erst ermöglicht hat.

Christopher Clark schrieb in seinem hochgelobten, aber auch umstrittenen Buch „Die Schlafwandler“, dass der Prozess der Europäischen Integration uns dazu bringe, die Habsburger Monarchie mit ihrer Komplexität und multinationalen Vielfalt wohlwollender zu sehen als in der Ära der Nationalstaaten. Ähnlich hat auch Robert Cooper, ein ehemaliger britischer Diplomat und Berater von Catherine Ashton Parallelen zwischen der Donaumonarchie und der EU gezogen.

 

Vergleich EU-Donaumonarchie

Es ist jedoch nicht nötig, diese komplexen Staatsgebilde als Vergleich heranzuziehen, um den Bogen zwischen 1914 und heute zu spannen. Wenn wir die Stunde Null der europäischen Integration mit 1914 ansetzen, dann sind wir uns der Arroganz der Großmächte stärker bewusst, der Kriegsverbrechen, des Massenmordes und des Scheiterns hermetisch abgeschlossener Nationalstaaten. Dies sind die Gegenmodelle zum späteren Einigungsprozess in Europa.

Der 100. Jahrestag des Kriegsbeginns bietet keine leichte Katharsis oder griffige Floskeln, um die Gegenwart zu verstehen. Doch kann er als Gelegenheit dienen, den Ausgangspunkt und eigentlichen Wert des heutigen Europa als eines in die Zukunft weisenden Projekts neu zu bestimmen.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Florian Bieber
(* 1973) hat Geschichte und Politikwissenschaft studiert. Er ist Professor für Südosteuropa an der Karl-Franzens-Universität und Leiter des Zentrums für Südosteuropastudien. Er war Mitglied des Organisationskomitees der wissenschaftlichen Konferenz „The Great War: Regional Approaches and Global Contexts“, die vor Kurzem in Sarajevo abgehalten wurde. [ Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2014)

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