Die Mächtigen und die Ohnmächtigen

In Österreich wird die Eignung von Kandidaten, Verantwortung im Staat zu tragen, nicht getestet; Leistungsnachweise gehören bisher nicht zum System. Dementsprechend sind die obersten politischen Etagen besetzt.

Unlängst hörte man von einem Politiker den Satz: „Mit Verlaub – ein gewisses Alphatier muss man in der Politik schon sein.“ Auch sonst stößt man in der Diskussion neuerdings auf dieses Vokabel. Der Begriff „Alphatier“ kommt, wie es scheint, in Mode. Was versteht man darunter?

In der Tierwelt sind die Alphas klar erkennbar: Leitwölfe, die mit ihrem Heulen das Rudel zur Jagd aufrufen, Hühner, die ihre Artgenossen vom Fressnapf weghacken, Hirsche, die ihre Bräute gegen Lüstlinge aus fremden Revieren verteidigen. Aber unter Menschen? Wer ist Alpha, wer nicht?

Auf die menschliche Sphäre bezogen ist Alpha ein gedankliches Konstrukt, das viele Deutungen zulässt. Die einen verstehen darunter Machthungrige, Herrschende, Befehlende, Durchsetzungsfähige. Es sind Leute, denen es schwerfällt, Danke zu sagen, und die nicht zuhören können. Hinter ihren Plänen steht weniger die Absicht, etwas für die Gemeinschaft zu tun, als vielmehr jene, über sie zu bestimmen.

 

Ausgeprägte Egoisten

Charakteristisch für diese Alphas ist ihr Informationsverhalten: Sie wittern Informationen, die sie beruflich oder politisch weiterbringen; sie bevorzugen Gesprächspartner, die ihnen dienlich sein können, sie scheuen sich davor, ihre Zeit für unnütze Dinge zu verschwenden. Ihr ausgeprägtes Ego veranlasst sie, rasche und oft einsame Entscheidungen zu treffen.

Aber es gibt noch eine andere Form von Alphas: Menschen mit außergewöhnlicher Persönlichkeitsstärke und der gleichzeitigen Bereitschaft, Verantwortung für andere zu übernehmen und ihnen Orientierungen geben. Ihre Überzeugungsversuche sind als solche kaum erkennbar und erfolgen meist ohne Lautstärke. Ihre Autorität beruht auf Wissen, Glaubwürdigkeit und persönlicher Integrität.

Wenn Mitbürger sich ihnen unterordnen, so ist das ein Ausdruck von Anerkennung. Angela Merkel repräsentiert diesen Typus auf internationaler Ebene besonders klar. Man ahnt es kaum, dass sich hinter ihrem ein wenig verlegenen Lächeln ein stahlharter Wille verbirgt, den so manche, die dagegen aufbegehren, schmerzhaft zu spüren bekommen. Alles in allem handelt es sich bei diesem Typus um eine positive, vorwiegend der Gemeinschaft dienende Spielart von Alphas.

Und dann gibt es noch eine dritte Spezies von Entscheidungsträgern: Solche nämlich, die zwar hohe Ämter oder Funktionen bekleiden, aber weder die bösen noch die guten Alphas repräsentieren, sondern überhaupt keine Alphas sind: Betatypen also. Sie sind in der Politik die braven Parteisoldaten, die selbst keine besonderen Ideen entwickeln und lieber exekutieren als konzipieren. Auf einem fünfstufigen semantischen Differenzial würde man sie zwischen den Polaritäten „heiß“ und „kalt“ in der Mitte, bei dem lauwarmen Wert 2,5 finden.

Vorsicht ist allerdings geboten, sobald Betatypen auf den höchsten Stufen der politischen Hierarchie aufscheinen. Dann könnte es sich nämlich nicht nur um Visions- und Ideenlose, sondern auch um Unsichere, Schwankende, Entscheidungsschwache und letztlich Prinzipienlose handeln, denen es vorwiegend um die Absicherung ihrer Position geht.

Hinter der vermeintlichen Harmlosigkeit dieser hohen Funktionsinhaber, die sich als Alphas fühlen, ohne es zu sein, lauert Gefahr, denn ihre Durchschnittlichkeit macht sie schwer kalkulierbar.

 

Und immer lächeln sie dabei

In ihrem Bestreben, die Macht zu bewahren, sind sie imstande, sich heute als Verteidiger der Familie zu präsentieren und morgen das Adoptionsrecht von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare ins Auge zu fassen, heute Leistungsgesinnung zu predigen und morgen die Quotenregelung zu befürworten, heute die Verwaltungsreform zu verlangen und morgen vor der Lehrergewerkschaft in die Knie zu gehen. Und sie lächeln dabei. Vorher und nachher. Die Maske ist immer griffbereit.

Beim Nachdenken über die innenpolitische Szene stellt sich die Frage: Bringt unser Parteiensystem Alphas mit Führungsqualitäten oder eher die Typen der Skalenstufe 2,5 an die Spitze? Bevorzugt die Art der Selektion in der Politik den kraftvollen, kompetenten, visionären Amtsträger – oder eher den Anpassungsfähigen, Schmiegsamen, Taktierenden? Regiert bei uns wirklich die erste Garnitur?

Zweifel sind angebracht, wenn man sich beispielsweise nach der letzten Wahl an die nächtlichen Anrufe bei unverdächtigen Kandidaten erinnert: „Wollen Sie Minister werden?“ Ein Screening für die Eignung, Verantwortung im Staat zu tragen, findet hierzulande nicht statt; Leistungsnachweise gehören nicht zum System.

Das Kriterium für den Aufstieg in die höchsten Etagen ist nicht, was ein Politiker kann, sondern, welches Bundesland, welche Standesvertretung, welche Gewerkschaft hinter ihm steht, welche Publikumswirkung die Ernennung verspricht und womöglich, ob die Position quotengerecht besetzt wird. Wie wichtig ist es eigentlich, dass an den Schaltstellen der Gesellschaft kraftvolle, integre, entscheidungsfreudige und wissende Persönlichkeiten stehen?

Zur Annäherung an eine Antwort auf diese Frage lohnt es sich, einen Blick ins Tierreich zu werfen und Nachschau zu halten, welche Bedeutung der Führungsfähigkeit dort zukommt. Ein besonders plastisches Beispiel dafür bieten die Elefanten. Eine Elefantenherde besteht aus bis zu 40 Mitgliedern und wird von einem Leittier angeführt, das auch eine Leitkuh sein kann.

Die Alphatiere verfügen über ein ausgezeichnetes Gedächtnis, in dem Weidegründe, Wasserlöcher, Dürren und potenzielle Gefahren gespeichert sind. Vom Wissen und Erfahrungsschatz alter Tiere hängt das Wohlergehen der ganzen Herde ab. Wird ein Leittier getötet, bleiben junge, unerfahrene Jungtiere übrig. Das hat für die Herde katastrophale Folgen.

 

Unverzichtbare Leitfiguren

Das Exempel stimmt nachdenklich, wenngleich es nicht 1:1 auf menschliche Gemeinschaften übertragbar ist. Außer Streit steht jedoch, dass auch für unsere Gesellschaft existenzsichernde Leitfiguren mit einem ausreichenden Wissen für die Trampelpfade in die Zukunft unverzichtbar sind.

Die bisweilen vertretene Ansicht, die Zeit der dominanten und allwissenden Alphatiere sei vorbei, ist nur insoweit richtig, als angesichts der Komplexität der Probleme die Sachkompetenzen dezentralisiert werden müssen.

Die kraftvolle Durchsetzung von Lösungen bleibt nach wie vor Persönlichkeiten vorbehalten, die die entsprechende Eignung dafür besitzen. Von ihnen wird auch erwartet, dass sie eine besonders gute Kenntnis von den Weidegründen, Wasserlöchern und Dürren besitzen.

Aber wo sind sie, unsere Alphas? In den Reihen der Regierung sucht man sie vergeblich. Unsere oberste politische Etage ist – wie die Entscheidungsparalyse in den Reformfragen bestätigt – mit dem Typ 2,5 besetzt. Das kann auf Dauer nicht funktionieren...

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Andreas
Kirschhofer-Bozenhardt
war Journalist in Linz, ehe er 1964 in die empirische Sozialforschung wechselte. Er war Mitarbeiter am Institut für Demoskopie Allensbach und zählte dort zum Führungskreis um Professor Elisabeth Noelle-Neumann. Ab 1972 Aufbau des Instituts für Markt- und Sozialanalysen (Imas) in Linz. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2014)

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