Die ungelöste Orientfrage: Jihad, Erdöl und viel Elend

Die Heiligen Kriege der Region wurzeln auch im Westen. Der Erste Weltkrieg ist im Nahen Osten noch nicht zu Ende.

Den ersten Jihad des 20. Jahrhunderts plante das Deutsche Auswärtige Amt 1915. Die Idee hatte der Orientalist und Archäologe Max von Oppenheim, der in einer Mobilisierung der Araber zum heiligen Krieg gegen die Briten den Schlüssel für eine Wende in der Orientfrage sah. Dann revoltierten die arabischen Stämme unter britischer Regie im Namen der Freiheit gegen das Osmanische Reich, den Verbündeten der Achsenmächte.

Bis zum nächsten Jihad sollten rund 65 Jahre vergehen. Vorerst bestimmten säkulare nationalistische Ideen die Region. Ein politischer Islam fand in der Konfrontation mit Israel steten Zulauf.

Der Niederlage im Sechstagekrieg 1967 folgte langfristig der Aufstieg der Muslimbrüder in Ägypten und Syrien, die eine neue islamisch geprägte Gesellschaft für ein Erstarken der arabischen Welt auch mit Gewalt einforderten. Israel sah es einige Jahre mit Wohlwollen, dass junge Palästinenser lieber die Moscheen der Hamas-Prediger als die politischen Salons der PLO aufsuchten.

 

Alte Konstanten der Geopolitik

Die Theokratie Saudiarabien wurde zum Bollwerk des Westens gegen arabische Regierungen, die zu sehr im Orbit Moskaus standen. Denn was diente der Eindämmung des Kommunismus besser als eine religiös bestimmte Ideologie, wie sie die Saudis mit dem wahabitischen Klerus auf der Arabischen Halbinsel praktizieren?

Nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan förderten die USA in den 1980er-Jahren im Verbund mit dem pakistanischen Geheimdienst und auf saudische Rechnung den nächsten großen Heiligen Krieg des 20. Jahrhunderts. Afghanische Gotteskrieger, ausgerüstet mit Stinger-Raketen, zwangen die Rote Armee zum Abzug. Dieser läutete im Jänner 1989 das annus mirabilis des Zerfalls des Kommunismus ein. Grotesk erscheint, wie sich die aktuellen Schlachtfelder auf alte Konstanten der Geopolitik beinahe reimen.

Während die Nato ihren Abzug vom Hindukusch vorbereitet, spitzt sich die Ost-West-Konfrontation in der Ukraine gefährlich zu. Ohne russische Kooperation könnte der militärische Rückzug zum Fiasko werden. Die Bilder eines gedemütigten Westens würden binnen Tagen den digitalen und dann tatsächlichen Flächenbrand lostreten. Was als Konzept des Kalten Krieges geschaffen wurde, hat längst seine eigene Dynamik entfaltet.

Der neue alte Jihad ist auch ein Ergebnis der Irak-Invasion von 2003. Der Jordanier Abu Musab Az-Sarkawi schuf 2005 im Irak die Bewegung Daech, die sich inzwischen Islamischer Staat nennt, als Abspaltung von al-Qaida. Sein Ziel war ein grenzüberschreitendes Kalifat, welches das alte mythische Shaam – also Großsyrien bis hinein in den Sinai – umfassen sollte. Auf der Ferienhalbinsel wächst die Anarchie, wodurch wohl die nächste Front entsteht.

Seit Sarkawis Tod 2006 döste die Bewegung vor sich hin. Mit dem Krieg in Syrien zwischen der autokratischen Assad-Regierung und den vielen Oppositionellen gewannen die Jihadisten ab 2011 neu an Zulauf. Die Kalifats-Anhänger wurden im Frühjahr aus Syrien vertrieben. Im Irak gewannen sie an Boden, denn ehemalige sunnitische Militärs unterstützen sie im Kampf gegen die irakische Armee, die seit der Reform durch die Amerikaner schiitisch dominiert ist. Bei ihrem Vormarsch im Irak erbeuteten sie neues Waffenmaterial und viel Geld.

Mehr als ein Drittel der Jihadisten stammt aus Europa. Ähnlich wie der „All-inclusive“-Tourist wissen viele dieser Terroristen nicht, wo auf der Landkarte sie sich gerade befinden. Pakistanische Muslime morden in Syrien und sagen bei ihrer Verhaftung aus, dass sie geglaubt hätten, gegen Juden in Israel zu kämpfen. Tschetschenen stellen viele IS-Kommandanten und zeichnen sich durch besondere Brutalität aus, wenn sie von Aleppo bis Mosul Leben und Kultur zerstören.

 

Religionssteuer für Fanatiker

Die Anhänger in Europa jubeln, denn ihr Kalif Abu Bakr al-Baghdadi schafft territoriale Tatsachen. Ihren Jihad mit Feuer und Schwert legitimieren die IS-Brigaden aus einer wortwörtlichen Lesart des Korans. So lehnen viele ihrer europäischen Fans die Bezeichnung des Islamisten ab, sondern sehen sich schlicht als aufrechte Muslime.

Das IS-Territorium erstreckt sich nun vom östlichen Syrien hinein in den Irak. Dank Eroberungen von Erdölfeldern und Raffinerien finanzieren sich die Gotteskrieger nebst Lösegeldern aus Entführungen. Hinzu kommen finanzielle Zuwendungen aus den arabischen Golfstaaten und der Türkei.

Diese Gelder stammen nicht immer aus regierungsnahen Kreisen, sondern aus der Privatkassa wohlhabender Geschäftsleute, die solcherart ihre Zakat, Religionssteuer, wahrnehmen. Dass der Jihadisten-Highway, den die Türkei in Richtung Syrien etabliert hat und den die Saudis sponsern, sich nun auch gegen die Geldgeber wenden könnte, schafft diplomatische Volten.

 

Inmitten der alten Konflikte

Der IS-Geist soll wieder in die Flasche zurückgezwängt werden. Waffen für die Kurden, lautet die neue Losung – in Unkenntnis der absehbaren Konflikte, seien diese innerkurdisch wie in den 1980er-Jahren oder regional.

Viele Staatskanzleien richteten sich auf ein gemütliches Gedenkjahr zu 1914 ein. Doch wir stecken mitten drin in Konflikten, die ein unmittelbares Ergebnis des Großen Krieges sind. Die Ukraine ist es auf ihre Weise. Und wer Michael Bulgakows 1924 veröffentlichten Roman „Die Weiße Garde“ liest, glaubt sich im Sommer 2014 und nicht im Winter 1918. Die Orientfrage ist ungelöst, sie schwelt weiter.

Viel ist die Rede von der Umgestaltung der Karten des Nahen Ostens. Immer wieder fällt das Sykes-Picot-Abkommen, mit dem Briten und Franzosen ihre Interessensphären absteckten. Doch die Karte jener Geheimkorrespondenz wurde nie umgesetzt. Vielmehr stehen die Grenzen von San Remo auf dem Spiel. Denn an der italienischen Riviera wurden 1920 die Trassen der Pipeline Mosul-Haifa, beide damals unter britischer Kontrolle, bestimmt. Dann wurden die Grenzen der neuen arabischen Staaten gezogen.

Im Namen des Erdöls wird seit bald einem Jahrhundert in der Region gekämpft. Der Erste Weltkrieg dauert hier fort. Mittlerweile geht es auch um Erdgasfelder im östlichen Mittelmeer, die Israel, der Libanon, Palästinenser und auch die Türkei und Syrien beanspruchen.

 

Hausgemachte Ängste

Iraks Kurden verkaufen oder schmuggeln ihr Erdöl seit 1991, als Bagdad die Kontrolle über den Norden verlor. Das nächste explosive Kapitel in der ungelösten Orientfrage steht bevor. Es geht um „big oil – big money“. Die Konfrontation zwischen Orient und Okzident wird mit dem nächsten Jihad schärfer. Weitere Staaten der Region könnten im Chaos versinken.

Wladimir Putin meinte vor einigen Jahren: „Vergessen Sie nicht, russisches Gas ist christliches Gas.“ Der Verfasser einer These zur Energiewirtschaft Russlands versteht es, auch auf der Klaviatur alter Ängste geschickt zu spielen. Letztere sind aber nicht unbegründet und hausgemacht.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

DIE AUTORIN



Karin Kneissl
(* 1965 in Wien) studierte Jus und Arabistik in Wien. Sie war 1991/1992 Studentin an der ENA. 1990 bis 1998 im diplomatischen Dienst, danach Lehrtätigkeit. Zahlreiche Publikationen, darunter: „Die Gewaltspirale. Warum Orient und Okzident nicht miteinander können“ (2007); „Mein Naher Osten“ (Braumüller 2014) . [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2014)

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