Rebellion und Salafismus

Gedanken eines Sozialarbeiters, wie mit salafistisch orientierten Jugendlichen richtig umgegangen werden sollte.

Spätestens seit zwei junge Frauen Österreich verlassen haben, um für den Islamischen Staat (IS) zu kämpfen, stellt sich die Frage nach dem Warum. Warum gehen Jugendliche, die in einem friedlichen Land leben, freiwillig weg, um zu kämpfen? Warum sympathisieren sie mit extremistischen, gewaltverherrlichenden Organisationen wie dem IS?

Die Jugendphase ist eine Zeit des Suchens, Ausprobierens und Abgrenzens. Um in zentralen gesellschaftlichen Positionen die volle Selbstständigkeit zu erreichen, müssen sich Jugendliche von der Erwachsenenwelt abgrenzen, ihre eigenen Identitäten entwickeln, verschiedene Rollen ausprobieren.

Dabei provozieren Jugendliche, wollen auffallen, was in unserer säkularisierten Welt, in der Gewalt und Pornografie fest im Mainstream verankert sind, gar nicht so einfach ist. Die Kompetenzen, die Jugendliche dafür benötigen, sollen in den zentralen Sozialisationsinstanzen erlernt werden.

Was aber, wenn diese Sozialisationsinstanzen versagen? Eltern, die ihr Leben lang Diskriminierung erleben mussten, fallen als Vorbilder weitgehend aus. Dazu kommen ein marodes Bildungssystem sowie eigene Ausgrenzungserlebnisse. Für immer mehr Jugendliche erscheinen die gesellschaftlichen Ziele für ein gelingendes Leben unerreichbar; unsere Gesellschaft kann ihnen weder Orientierung noch das Gefühl der Zugehörigkeit anbieten.

 

Das Gefühl, wichtig zu sein

Gerade dieses Gefühl aber – „ich gehöre dazu, ich bin wichtig“ – bieten salafistische Ideologien Jugendlichen an. Ziel aller salafistischen Ausprägungen ist die Überwindung der Trennung von Politik und Religion, die Errichtung eines Staates beruhend auf nicht veränderbaren, archaischen Gesetzen. Dabei propagiert der jihadistische Salafismus, die radikalste dieser Ausprägungen, offensiv die Ausübung von Gewalt, um dieses Ziel zu erreichen.

Obwohl sich diese Ideologien auf den Koran berufen, widersprechen sie in vielen Dingen grundlegenden islamischen Werten. Aber sie bieten einfache Handlungsanleitungen, sie teilen die Welt in gut und böse, in wir und die anderen und ersparen dadurch Ambivalenzen. Dieses Phänomen ist nicht neu, es hat nur eine neue Verpackung. Schon immer waren junge Männer in Krisensituationen für Ideologien anfällig, die ihnen Zugehörigkeit, Identität und die Möglichkeit bieten, endlich ein Held sein zu können.

Was aber könnten wir diesen Jugendlichen anbieten? Eine Antwort: Anerkennung, Wertschätzung, klar definierte Grenzen, an denen sie sich orientieren können. Oft brauchen Jugendliche erwachsene Bezugspersonen, die ihnen zuhören und sie ernst nehmen.

„Nein, Videos, in denen Menschen abgeschlachtet werden, sind nicht cool, egal, wer die Menschen sind und was sie getan haben.“ Klare Stellungnahmen wie diese vermissen und fordern Jugendliche, daran können sie sich festhalten. Die eigene Empörung an vorherrschender Ungerechtigkeit, unter anderem auch an Islamfeindlichkeit, sollte man mit den Jugendlichen teilen und gemeinsam Möglichkeiten finden, gegen diese zu kämpfen, und zwar ohne Waffen. Jugendliche, die sich an salafistischen Ideologien orientieren, befriedigen damit ein Bedürfnis, das auch anders erfüllt werden könnte. Genau dabei müssen wir sie unterstützen.

Fabian Reicher ist Sozialarbeiter bei der mobilen Jugendarbeit in Wien, Beirat im „Netzwerk sozialer Zusammenhalt“.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2014)

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