Gastkommentar: Für Martin B. ...

Ja sicher, die überfallsartige Polizei-Aktion des Innenministers gegen 14 österreichische Tierschutzvereine war überzogen, unverhältnismäßig und unangemessen.

Die seit 21. Mai 2008 über Martin B. und 9 weitere AktivistInnen verhängte U-Haft ohne konkrete, begründete Vorwürfe und ohne volle Akteneinsicht für die AnwältInnen ist eine rechtsstaatliche Katastrophe - ebenso wie das „Hinbiegen" der gerichtlichen Zuständigkeit nach Wr.Neustadt / Niederösterreich durch einen mittlerweile eingestandenen „Fehler bei der Benennung des Aktes".

Wir wissen auch, dass die TierschützerInnen im Gefängnis wegen ihrer Haltung und Überzeugung zusätzlich schikaniert und verächtlich gemacht werden, weil sie eben keine Kriminellen sind. Das alles ist für die Betroffenen schwer erträglich. Erst in der Krankenstation erfahren sie echte Menschlichkeit.

Dennoch: All diese Umstände und historische Vergleiche mit Widerstandbewegungen weisen deutlich darauf hin, dass die Tierrechts-Bewegung offenbar so erfolgreich wird, dass alle erdenklichen Schikanen und Fouls aufgeboten werden, um den etablierten Kräften und ihren profitablen Geschäften mit dem Leid von Tieren noch ein wenig Zeit zu geben.

Erstens werden die Widersprüche innerhalb der klassischen Sicherheitspolitik immer offenkundiger. Faustdicke Skandale innerhalb des Innenressorts bis hin zu rechtskräftigen Verurteilungen und grobe Wertungs-Widersprüche bei der Verfolgung unterschiedlicher tatsächlicher oder behaupteter Gefahrenbereiche fallen auch der Öffentlichkeit auf.

Während etwa nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen etwa ca. 10.000 Frauen als Opfer des organisierten Menschen-Handels nach Österreich geschleust und hier missbraucht werden, beträgt die Zahl der einschlägigen Verurteilungen pro Jahr weniger als 30. Auch der Umgang mit den Medien und der Öffentlichkeit ist ein anderer.

Während die Menschenhändler mit Diskretion und Amtsverschwiegenheit rechnen dürfen, werden gegen die TierschützerInnen gezielt Gerüchte und aus dem Kontext gerissene Akteninhalte an Medien weitergegeben.

Selbst in Bereichen öffentlich wahrnehmbarer Kriminalität wie der Steuerhinterziehung im ganz großen Stil (Schwarzgeldkonten in Liechtenstein) hält in Österreich die amtliche Verschwiegenheit der Behörden eisern, während bei den TierschützerInnen jeder noch so vage Verdacht Land auf Land ab medial gestreut wird ...

Geht es nach dem derzeitigen Innenminister, dann scheint es überhaupt nur wenige Kapitalverbrechen zu geben: den Tierschutz im Allgemeinen, der Verbleib in Österreich nach negativer Asyl-Entscheidung (Arigona und andere) oder das Eingehen einer Ehe mit einer Person ohne EWR-Zugehörigkeit, was in allen Fällen den Verdacht der Scheinehe und umfangreiche Schnüffeleien der Behörde nach sich zieht.

Dementsprechend scheinen die personellen Ressourcen verteilt zu sein. Während die Zahnbürsten-Kontrollen der Ehe-Schnüffler und die Reisetätigkeit der Asyl-Kontrollore ausufern, sinken gleichermaßen die Aufklärungsquoten bei schweren Verbrechen wie Bankrauben oder Einbrüchen und damit das Sicherheits-Gefühl der Bevölkerung.

Zweitens weist auch die Vehemenz der Vorgangsweise darauf hin, dass die Tierrechtsbewegung in zweierlei Hinsicht einen Nerv des herrschenden Systems getroffen hat.

In wirtschaftlicher Hinsicht führt der weltweit organisierte, industrialisierte und intensivierte Umgang mit Tieren, die zur Herstellung von Nahrungsmitteln dienen, zu immer größeren Schäden und Grausamkeiten (Tierseuchen wie BSE, Langstreckentransporte, Futtermittel-Importe aus Hunger-Ländern, Öko-Belastungen für Böden, Luft und Wasser), zu Förderungsbetrügereien in astronomischer Höhe und zu extrem ungerechten Verteilungsstrukturen. Die Großen und Reichen legen zu, die Kleinen müssen weichen und sterben weg. Aber genau die Großen und Mächtigen setzen alles daran, dass sich nichts ändert.
Zu allen Zeiten war die uneingeschränkte Verfügung über Produktionsmittel ein Schlüssel zu Macht und Reichtum: Grund und Boden, rechtlose Arbeitskräfte (Sklaven, Leibeigene) und Vieh-Herden waren schon im Altertum als wichtige Produktionsfaktoren rechtlich besonders hervorgehoben.

Diejenigen, die das Land und seine Nutzungen gerechter verteilen, die die Sklaven befreien und alle Menschen als volle Persönlichkeiten behandeln wollten, sind immer auf erbitterten Widerstand gestoßen.
Das haben Tiberius und Gaius Gracchus ebenso erfahren wie Mahatma Gandhi oder Martin Luther King oder Hans Kudlich und Ernst von Violand in unseren Breiten. Und selbst der heute als Retter des schon an einen Holzhändler verkauften Wienerwalds allseits gepriesene Josef Schöffel war zu seiner Zeit ein Rebell, der mit Morddrohungen und gerichtlichen Verfolgungen konfrontiert war.

Neben den wirtschaftlichen Auswirkungen der Forderungen der Tierrechtsbewegung geht es aber auch um Grundfragen des Menschseins und um das bröselnde Selbstbewusstsein des weißen Mannes. Charles Darwin hat gezeigt, dass der Mensch nicht die einzigartige, vom Tierreich losgelöste Krone des Lebens ist, sondern das vorläufige Endprodukt einer Evolution über Milliarden von Jahren und ganz enger Verwandter der Menschen-Affen. Darwin wurde dafür verspottet und geächtet. Bei manchen Kirchen-Dogmatikern dauert diese Haltung bis zum heutigen Tag an.

Sigmund Freud hat die vorletzte Bastion der Überlegenheit des Homo Sapiens, die Dominanz kognitiver Prozesse, relativiert. Über weite Strecken steuern wir unser Leben nicht durch bewusste, rationale Entscheidungen, sondern das Un- und Unterbewusste bricht aus tieferen Schichten durch. Oftmals denken wir nicht, sondern es wird mit uns gedacht und empfunden.

Und selbst in dem zusammengeschmolzenen Bereich scheinbarer menschlicher Überlegenheit, im Bereich des kognitiven Denkens, ist der Mensch kein Solitär der Entwicklung. Martin Balluch hat die Kontinuität des Bewusstseins postuliert und damit die wohl allerletzte Begründung für das milliardenfache Leid, das Tieren zugefügt wird, als unhaltbare Ideologie entlarvt.

Dahinter stehen zwei entgegen gesetzte Grundauffassungen von Menschheit und Gesellschaft. Während die eine in Hierarchien, in Über- und Unterordnungs-Verhältnissen denkt und Herrschaft als Unterwerfung versteht, baut die andere auf dem Prinzip von ökologischen Kreisläufen ohne „oben" und „unten" auf.
In diesem letzteren Verständnis kommen scheinbare Gegensätze zusammen, steht Darwin nicht mehr im Gegensatz zur Genesis und wird echte Gewaltfreiheit möglich. Ich zweifle keine Sekunde daran, dass nach der Abschaffung der Sklaverei, nach der Formulierung der Menschenrechte und nach der Abschaffung der Vorrechte von Stand und Geburt das Postulat der Tierrechte der nächste Meilenstein der Rechtsentwicklung sein wird.

So bitter die Zeit auch für Martin B. jetzt ist: WE SHALL OVERCOME.

MP

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