Vogelfrei leben und sterben im Iran

Anhänger der Bahá'í-Religion werden von der iranischen Führung wie Rechtlose behandelt, gefoltert und mit dem Tod bedroht. Nur die Staatengemeinschaft kann noch helfen.

Sieben führende Mitglieder der Bahá'í-Gemeinde im Iran sind gegenwärtig im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran inhaftiert. Sie sind vom iranischen Geheimdienst verhaftet worden – ein neuer Höhepunkt in der Verfolgung der Bahá'í im Iran. Laut jüngsten iranischen Zeitungsmeldungen hätten sie „gestanden“, eine „illegale“ Organisation mit Verbindung zu Israel betrieben zu haben. Diese Behauptung, wonach die Bahá'í in irgendeiner subversiven Tätigkeit engagiert wären, ist auf das Schärfste zurückzuweisen. Einziges „Verbrechen“ der Bahá'í ist die Ausübung ihrer Religion. Die Schwere dieser Behauptung lässt um das Leben der inhaftierten Bahá'í fürchten.

Die Bahá'í-Religion hat keinen Klerus. Die Verwaltungsgeschäfte der örtlichen, nationalen und internationalen Bahá'í-Gemeinde werden durch Gremien von jeweils neun, demokratisch gewählten Personen geführt. Nach dem Verbot sämtlicher Verwaltungsgremien der iranischen Bahá'í-Gemeinde 1983 koordinierten informelle Führungsgruppen die notwendigsten Aktivitäten der Gemeinde. Die nunmehrige Verhaftung der Führungsebene ist daher ein schwerer Schlag für die Bahá'í im Iran.


„Ungeschützte Ungläubige“

Der in Persien des 19. Jahrhunderts entstandene Glaube stieß von Anfang an auf erbitterten Widerstand der islamischen Geistlichkeit, für die die Bahá'í „Abtrünnige“ vom Islam sind. Doch seit der Islamischen Revolution 1979 ist die Verfolgung dieser rund 300.000 Mitglieder zählenden größten religiösen Minderheit staatlich angeordnet und systematisch organisiert. Über 200 Bahá'í wurden hingerichtet. Darunter zehn Frauen im Alter von 17 bis 57 Jahren, die am 18. Juni 1983 in der südpersischen Stadt Shiras gehenkt wurden. Ihr Verbrechen: Sie hatten Religionsklassen für Bahá'í-Jugendliche geführt. Hunderte Bahá'í wurden gefoltert und ins Gefängnis geworfen. Zehntausende verloren Arbeit und Rentenansprüche. Bahá'í-Friedhöfe wurden zerstört. Bahá'í wird der Zugang zum Universitätsstudium verwehrt, es sei denn, sie verleugnen ihren Glauben.

Ein geheimes Regierungsdokument, von der UNO-Menschenrechtskommission 1993 veröffentlicht, bestätigt die Politik der allmählichen Strangulierung dieser Religionsgruppe. Im März 2006 veröffentlichte die UNO-Sonderberichterstatterin für Religionsfreiheit einen Geheimplan, der die totale Überwachung der Bahá'í im Iran vorsieht. In iranischen Medien werden die Bahá'í-Lehren regelmäßig verzerrt dargestellt, um die Bevölkerung gegen die „Ungläubigen“ aufzuhetzen.

Im Gegensatz zu den Juden, Christen und Zoroastriern haben die Bahá'í in der Verfassung keinen Minderheitenstatus. Sie gelten als „ungeschützte Ungläubige“. Die Diskriminierung der Bahá'í machte in den letzten Jahren auch vor Kindern nicht halt, die von Lehrern vor der Klasse wegen ihres Glaubens gedemütigt werden.


Vorwurf des „Zionismus“

Die iranische Führung wirft den Bahá'í „Zionismus“ vor und begründet dies damit, dass sich die wichtigsten heiligen Stätten der Bahá'í und ihr Weltzentrum in Israel befinden. Doch dass die Grabstätte des Religionsstifters Bahá'u'lláh (1817–1892) im heutigen Israel liegt, hat historische Gründe. Bahá'u'lláh wurde von den islamischen Machthabern in die damalige osmanische Gefängnisstadt Akka verbannt und fand seine letzte Ruhestätte im benachbarten Bahji. Sein Grab gilt als geistiges Zentrum der Bahá'í-Welt. Am Berg Karmel in Haifa befindet sich ferner das Mausoleum des Báb, des Vorläufers Bahá'u'lláhs. Beide Grabmäler liegen in wunderschön angelegten Gärten und wurden vor kurzem von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt.

Erniedrigt zu Vogelfreien in der iranischen Gesellschaft setzen die Bahá'í ihre Hoffnung auf die internationale Staatengemeinschaft. UNO und EU haben in zahlreichen Resolutionen ihre „ernsthafte Besorgnis“ über die Verfolgung der Bahá'í im Iran geäußert. Auch Österreich hat sich durch das Außenministerium stets für die Anliegen der Bahá'í eingesetzt. Nationalratspräsidentin Barbara Prammer hat in einem Schreiben an den iranischen Parlamentspräsidenten Ali Larijani die Freilassung der inhaftierten Bahá'í gefordert. Auch sechs Friedensnobelpreisträgerinnen haben sich hierfür in einem offenen Brief an die iranische Führung eingesetzt, darunter die iranische Anwältin Shirin Ebadi, die jüngst selbst mit einer gegen sie gerichteten Kampagne iranischer Medien konfrontiert war: Ihrer Tochter wird vorgeworfen, zur verbotenen Bahá'í-Religion konvertiert zu sein. Die Muslimin Ebadi dementierte dies.


Bahá'ísmus – eine Religion der Toleranz

Die Bahá'í sind ihren Glaubensgrundsätzen gemäß loyale, friedliebende Staatsbürger. Sie glauben, dass alle Religionen göttlich in ihrem Ursprung sind, und sie setzen sich für den Abbau von Vorurteilen und die Gleichberechtigung von Mann und Frau ein. Der Bahá'í-Glaube ist für seine große Toleranz bekannt, verkündet doch Bahá'u'lláh: „Verkehret mit allen Religionen in Herzlichkeit und Eintracht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2008)

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