Eine Gewalttheologie schlägt Wurzeln

Den Gesichtsschleier von Mona S. zu verteidigen, bereitet der Verherrlichung theologischer Gewalt den Weg – die Früchte dieser Theologie werden wir in Österreich demnächst zu spüren bekommen: Replik auf den Gastkommentar „Gesichtsschleier vor Gericht“ von Tarafa Baghajati, 19.11.

Ich wollte über Mona S. gewiss nicht schreiben. Ein Gastkommentar hat mich dazu veranlasst, nun doch ein paar Worte zu diesem leidigen Thema zu formulieren.

Nach dem 11. September befinden sich die Muslime in Europa in einer Orientierungskrise, die ihnen eine Partizipation an der Gesellschaft erschwert. Sehr viele junge Frauen und Männer sind auf der Suche nach Mitteln, um sich gegen pauschalen Terrorverdacht wehren zu können. All die überflüssigen Kopftuchdebatten in Deutschland, Frankreich und in weiteren europäischen Staaten stören einen natürlichen Integrationsprozess. Frauen, die sich für ein Kopftuch entschieden haben, wurden aus der Bildung und vor allem aus der beruflichen Integration ausgeschlossen und in die Hände frauenfeindlicher Theologie entlassen. Diese Theologie vertritt seit ihrer Gründung die Meinung, dass die Frau nur zwischen ihren vier Wänden ein gottgefälliges Leben führen könne. Die Folgen dieser integrationsfeindlichen Kopftuchdebatte liefern jede Menge Rechtfertigung für die Theologie, die sich aus dieser Spaltung nährt.

Nach dem 11. September ist der Gesichtsschleier vor allem in Amerika und Großbritannien Mode geworden. Wenn Sie durch bestimmte Stadtteile von Leicester oder Bedford laufen, sehen Sie wenige Frauen ohne Gesichtsschleier. Eine Moschee neben der anderen predigt für diese vergessene Theologie, die die Frau mit theologisch „begründeter“ Gewalt aus der Gesellschaft in die dunkle Tradition zurückverpflichtet. Die Frauen entscheiden sich psychisch freiwillig für den Gesichtsschleier, aber hinter dieser Freiwilligkeit steht die sozial-seelisch unerträgliche Gewalt einer bestimmten Theologie.


Studenten verweigern bestimmte Bücher

Diese Theologie wird in bestimmten und unwissenden Kreisen in Österreich auch als eine theologische Meinung hofiert. Diese Meinung herrscht aber real nur in einer verschwindend kleinen Minderheit vor. Das ist Tatsache.

Auf der anderen Seite beobachten wir jedoch die Wirkung dieser Kreise, die es verstehen, bestimmte Teile der Muslime mit theologischen Mitteln und der Erzeugung von Schuldgefühlen unter Druck zu setzen, um sie von der Gesellschaft zu isolieren. Mona S. ist ein konvertiertes Opfer dieser theologischen Gewalt. Sie handelt nur mit den Referenzen dieser Theologen, die von vielen offiziellen Kreisen hofiert werden. Diese Gewalt spürt man tagtäglich auch unter den Studierenden, die sich weigern, bestimmte Bücher zu lesen oder bestimmte Veranstaltungen zu besuchen. Jede Meinung, die dem Menschen neue Horizonte öffnen könnte, wird regelrecht mit theologischen „Begründungen“ bekämpft. Diese mittelalterliche Theologie findet in den wenigsten islamischen Ländern Beachtung, schlägt aber bedauerlicherweise in Österreich Wurzeln. Terroristische Gewalt hat ihre Wurzeln in diesem Gedankengut, das die Muslime zur Spaltung und Isolation zwingt und als Hindernis vor einer realisierbaren Integration steht.

Der Gesichtsschleier ist ein Ergebnis dieser sogenannten theologischen Minderheit, die als Terrorstifter hinter diesen jungen Menschen steht. Er ist somit ein Symbol der Isolierung und theologischen Diskriminierung der Frau. Mona S. entschied sich zwar freiwillig für den Gesichtsschleier. Aber die Theologie, die sie zu dieser Entscheidung verpflichtet, ist keine freie theologische Meinungsäußerung, sondern Gewalt gegen die Frauen. Den Gesichtsschleier von Frau Mona S. zu verteidigen, ist nichts anderes als eine Wegbereitung zur Verherrlichung und Legitimierung jener theologischen Gewalt.

Opfer dieses theologischen Verständnisses werden nicht nur Frauen sein, sondern alle, die sich in der Mitte der Gesellschaft bewegen. Demnächst werden wir die Früchte dieser Theologie in vielen anderen Bereichen zu spüren bekommen, sodass die ganze Mühe der Mehrheit der Muslime für eine europäisch geprägte islamische Lebensweise zunichte gemacht wird. Die theologisch begründete Spaltung wird auch ihre Unterstützer finden, die großzügig diese Isolation fördern.


Muslimische Frauen, distanziert euch!

Vor allem sind die muslimischen Frauen herausgefordert, sich von der theologischen Gewalt zu distanzieren und sich für die Gestaltung einer Theologie einzusetzen, die sie davon befreit und ihre gesellschaftlich-demokratischen Rechte theologisiert. Sonst werden wir alle zu Opfern.

Bei allem Gesagten dürfen wir aber nicht die eigentlichen Ursachen vergessen, die diesen alten Geist erweckt haben. Wenn muslimische Mädchen und Frauen an die demokratischen Werte glauben und nach jahrelangem eifrigen Studieren oder einer mühevollen Ausbildung unter sozial schlechten Bedingungen vor den Toren der Gesellschaft stehen, um von ihr aufgenommen zu werden als Frauen, die von Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung träumen, dann werden sie oftmals nur wegen ihres Kopftuchs abgewiesen. Mit ihrem zerstörten Selbstwertgefühl suchen diese Frauen und Mädchen Rettung in einer archaischen und allzu simplen Theologie, die ihren verletzten Gefühlen entspricht und sie auffängt.

Diese Theologie der geistigen Zerstörung kann nur aufgehalten werden, wenn Musliminnen echte Alternativen haben und in geschätzten Positionen der Gesellschaft sichtbar werden. Das Problem löst sich dann von selbst – sogar sehr schnell.

Ednan Aslan, geboren 1959 in der Türkei, ist Universitätsprofessor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2008)

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