Rückzug ins Ghetto

Offenbar haben jene, die Gerhard Maria Wagner zum Weihbischof in Linz gekürt haben, die Lektion aus der Kirchenkrise nach der Bischofsernennung Kurt Krenns nicht gelernt.

Die Ernennung des Pfarrers Gerhard Maria Wagner zum Linzer Weihbischof erweckt in mir Zorn und Trauer in einem. Denn diese Entscheidung ist kirchenpolitisch falsch und pastoral höchst schädlich: Es ist ein Signal der Selbstzerstörung, führt zu Schrumpfen und Ghettoisierung und zu weiterem Verlust der bischöflichen Autorität.

1. Selbstzerstörung
Es war 1987, als eine fast gleiche Entscheidung in Wien getroffen worden war. Gegen den breiten Willen des Klerus und des Kirchenvolks wurde Kurt Krenn der Erzdiözese als Weihbischof aufgezwungen. Es waren nur kleine Kreise, die ihn haben wollten. Die Folgen sind bekannt genug, und es schmerzt, sich an sie zu erinnern. Der österreichischen Kirche brachte sie, mit den folgenden Bischofsernennungen, die schwerste Krise seit Jahrhunderten. Vielleicht ahnten jene, die das damals betrieben hatten, nicht, was sie auslösten: Vertrauensverlust, Kirchenaustritte, innere Kündigung bei vielen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen, schwere Beschädigung des Ansehens des Bischofsamtes und mit ihr der Kirche selbst. Wer diese Lektion gelernt hat, wiederholt einen solchen Fehler nicht.

Offenbar haben jene, die Wagner zum Weihbischof in Linz gekürt haben, die Lektion eben nicht gelernt. Das macht sie umso schuldiger an jenem Schaden, der sich unvermeidlich einstellen wird. Die Kirchenleitung – und damit ist nicht nur die in Rom gemeint, denn ein Bischof bekommt keinen Weihbischof, den er nicht will – hat offenbar nicht nur nichts gelernt, sondern zeigt einen unglaublichen Hang zur Selbstzerstörung. Und das in einer Zeit, in der der Kirche die ländliche Bevölkerung, die Frauen und die Jungen wegbrechen, wie eine noch nicht veröffentlichte Studie deutlich macht. Statt für diese Abwanderer eine Identifikationsfigur in der Diözese zu küren, wird ein Pfarrer zum Weihbischof gemacht, der sein gestörtes Verhältnis zu den Frauen symbolisch dadurch demonstriert, dass er keine Ministrantinnen zulässt, und der seine pastorale Härte zeigt, indem er den einfachen Leuten im Volk, die sich mit dem Glauben (und das oft wegen der Kirche) ohnedies nicht leichttun, bei Begräbnissen den Zugang zur Kommunion dadurch verwehrt, dass er sie gleich gar nicht austeilt. (Ob er das auf den Verdacht hin, dass ja auch nicht jeder Bischof immer würdig ist, zur Kommunion zu gehen, auch bei Gottesdiensten der Bischofskonferenz machen wird?) Und als ein Seelsorger, zu dem gerade die suchenden Jungen den Dialog suchen werden, hat er sich auch nicht bewährt.

2. Schrumpfghettoisierung
Die Entscheidung wird – auch in der wunderbaren und pastoral mutigen Diözese Linz – zu einer weiteren Schrumpfung nach rechts führen. Viele aus der offenen Mitte – der linke Flügel ist ja ohnedies nach dem Scheitern des Dialogs für Österreich schon ausgewandert – werden in die innere Emigration gehen oder austreten. Eine junge Theologin, die sich die Diözese Linz als Mitarbeiterin nur wünschen könnte, sagte nach der Ernennung von Wagner, dass ihr jetzt klar sei, dass sie nicht in den Dienst der Kirche gehen werde. Ein Pfarrgemeinderat aus dem Mühlviertel schrieb mir, dass er daran denke, das Amt niederzulegen, aus Protest gegen diese Entwicklung.

Freilich, Linz ist in dieser Nach-rechts-schrumpf-Ghettoisierung kein Einzelfall. Der Papst der wunderbaren Predigten hat in den letzten Monaten eine unheilvolle nach rechts gerichtete kirchenpolitische Entscheidung nach der anderen getroffen. Man kann sich bei ihm gar nicht vorstellen, dass er einen bischöflichen Emissär ernennt, der Eugen Drewermann oder Robert Haight oder Hans Küng in die Kirche zurückholen will. Würde er bei diesen linken Dissidenten ebenso großzügig verfahren wie bei den rechten, könnte er ja sagen: Auf jeden Fall gehört ihr wieder dazu. Über die Inhalte können wir ja später immer noch reden. So haben wir jetzt Bischöfe, die nach wie vor munter das Zweite Vatikanische Konzil in zentralen Punkten ablehnen.

3. Autoritätsverlust
Schädlich ist die Linzer Entscheidung auch deshalb, weil die Autorität des Bischofs schweren Schaden leiden wird. Bischof Ludwig Schwarz steht sicherlich nicht im Ruf, progressiv zu sein. Er hätte sagen können: Konservativ bin schon ich selbst. Also brauche ich jemanden, der einen guten Kontakt zu den Leuten aus der offenen Kirche hat (zu der immer noch die Mehrheit gehört). Jetzt hat er sich einen Mann aufdrängen lassen, neben dem rechts kein Platz mehr ist. Das macht leider vorhersehbar, dass die Kluft zwischen dem Großteil des Kirchenvolks und der bischöflichen Leitung immer größer wird. Ein pastorales Schisma entsteht. Sicher ist auch, dass unter solchen Bedingungen kein dringend notwendiger pastoraler Aufbruch in Sicht ist. Die Grundstimmung wird heißen: auf den nächsten Bischof warten und verhindern, dass Wagner auch noch Nachfolger von Schwarz wird (ein Plan, der ja in Wien zum Glück nicht gelungen ist).

Immer weniger Leute werden in der Diözese Linz auf den Bischof hören. Die Stimmung wird resignativ sein, und das in einer Zeit, in der es durchaus neue Chancen für die Kirche gibt, weil der spirituelle Hunger wächst und dank des Wahnsinns in der Finanzwirtschaft es morgen immer mehr Menschen geben wird, die auch der Solidarität der Kirche bedürfen.

Paul Zulehner, Pastoraltheologe, lehrt seit 1984 an der Katholischen Fakultät der Uni Wien. Zahlreiche Publikationen zu religions- und kirchensoziologischen Themen.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2009)

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