Dollfuß heute: Keine Spur von Kult und Mythos

Zu einer neuen, verstörenden Biografie des Autokraten aus Frankreich.

Ein neues Buch erregt die historisch gebildeten und politisch interessierten Gemüter. Lucile Dreidemy hat ihre „Biografie des Posthumen“ unter dem Titel „Der Dollfuß-Mythos“ in Wien vorgestellt (siehe „Presse“-Bericht vom 19.11.). Die Autorin bekennt sich dazu, keinen neutralen Blick zu haben: kritisch gegenüber Dollfuß und seiner Mythisierung. Sie schließt sich dem von einigen österreichischen Historikern entwickelten ideologischen Kampfbegriff des „Austrofaschismus“ an. Sein Ziel: die Diktatur von Dollfuß mit der NS-Diktatur und dem Faschismus Mussolinis gleichzusetzen.

Damit werden auch die Christlichsozialen der Zwischenkriegszeit zu den allein Schuldigen für das Ende der Demokratie und gleich auch für das Ende Österreichs 1938 gemacht. Die Zeit von 1933 bis 1945 wird als historische Einheit gesehen. Die Autorin übersieht den gespaltenen Sozialismus in Österreich: Die eine Hälfte bekannte sich zur Demokratie, die andere zur „Diktatur des Proletariats“.

„Demokratie, das ist nicht viel, Sozialismus ist das Ziel.“ So verweigerten sich die Sozialisten den Angeboten 1931 und 1932 zur Bildung einer Großen Koalition. Der Führer des Putschversuchs der Sozialisten 1934 machte auch kein Hehl daraus, dass nicht die Wiedererrichtung der Demokratie sein Ziel war, sondern eben die Diktatur des Proletariats.

 

Keine geteilte Schuld

Dreidemy schildert ausführlich Mythen und Kult um Dollfuß bis zum Anschluss, im Exil, und den Umgang mit dem Gedenken an Dollfuß nach 1945. Die Lehre von der geteilten Schuld lehnt sie ab; das sei eine ideologische Konzession an die Große Koalition gewesen. Die Abschaffung der von SPÖ-Bundeskanzlern aus Pietätsgründen (so Bruno Kreisky und Fred Sinowatz) geduldeten Dollfuß-Messe im Bundeskanzleramt begrüßt sie. Ihre Wiedereinführung unter Wolfgang Schüssel nimmt sie zum Beweis dafür, dass in der ÖVP der Dollfuß-Kult wieder aufgelebt sei. Die Historisierung von Dollfuß auch in der Auseinandersetzung von ÖVP und SPÖ wird bestritten.

 

Zwiespältiges Urteil

All dem kann ich nur deutlich widersprechen. Die heutige ÖVP sieht Dollfuß als autoritären Regierungsdiktator wie auch den Ständestaat kritisch. Sein Kampf gegen den Nationalsozialismus aber wird positiv gewürdigt. Während führende Sozialisten wie Karl Renner öffentlich für den Anschluss warben und dann den Krieg bequem mit staatlicher Pension überlebten, mussten Christlichsoziale im Konzentrationslager für ihren Kampf gegen Hitler leiden.

Dieser Zwiespalt kommt auch im Urteil der Österreicher zum Ausdruck: Nur noch 40 Prozent wissen, wer Dollfuß war; die eine Hälfte sieht ihn als Zerstörer der Demokratie, die andere als ein Opfer des Nationalsozialismus. Von Kult oder Mythos keine Spur.

Verstörend an diesem Buch im Gewand der Wissenschaft ist, dass entgegenstehende Meinungen zu den revisionistischen Thesen der Autorin entweder verschwiegen, oder deren Autoren als Heiligenverehrer, gedungene Auftragsschreiber oder als leidenschaftliche Verteidiger hingestellt werden. Das trifft so angesehene Politikwissenschaftler wie Karl Gottfried Kindermann oder auch die „Presse“-Kolumnistin und Buchautorin Gudula Walterskirchen.

So ist dem Rezensenten im „Standard“, Conrad Seidl, beizupflichten, wenn er seine Rezension mit folgenden Worten beschließt: „Wohl aber zieht sich eine rechthaberische Parteilichkeit und eine Neigung zur Polemik gegen konservative Politiker und Historiker durch den Band.“

Univ.-Prof. Andreas Khol war von 2000 bis 2002 Klubobmann der ÖVP im Nationalrat und 2002 bis 2006 Präsident des Nationalrats. Seit 2005 ist er Obmann des Österreichischen Seniorenbundes.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2014)

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