Konzeptlose Kulturpolitik und die Museumsmisere

Zur Diskussion über das Weltmuseum: Ethnologische Sammlungen sind unverzichtbarer Bestandteil unserer Geschichte.

Seit Jahren der medialen Auseinandersetzung entwöhnt, sehe ich mich nun veranlasst, einen Kommentar zur augenblicklichen Diskussion über das Weltmuseum bzw. – wie der rechtliche Name noch immer lautet – Völkerkundemuseum abzuliefern. Da in den jetzigen Kommentaren und Kritiken immer wieder auf die 2001 erfolgte Übernahme des damals noch als „nachgeordnete Dienststelle des Bundes“ geführten Völkerkundemuseums (VKM) durch das Kunsthistorische Museum (KHM) seit 1999 zurückverwiesen wird, einige Bemerkungen dazu.

Das Völkerkundemuseum (und Theatermuseum) musste wie auch die übrigen Bundesmuseen in einen neuen „vollrechtsfähigen“ Status überführt werden, der unter anderem ein eigenes Rechnungswesen, eigene Personalverwaltung, Presseabteilung, ein Gebäudemanagement und auch ein eigenes Kuratorium (Aufsichtsrat) erforderte.

Da das Völkerkundemuseum in der Neuen Burg angesiedelt ist, neben drei bedeutenden Sammlungen des Kunsthistorischen Museums – der Sammlung Alter Musikinstrumente, der Hofjagd- und Rüstkammer sowie dem Ephesos-Museum –, lag es nahe, die Verwaltung dieses großen Komplexes zusammenzulegen. Es ging also nicht um eine Machtübernahme, sondern um eine sinnvolle und Budgetmittel einsparende Maßnahme.

 

Neubenennung, Neustart

So wurde die Verwaltung des VKM – aber nicht seine wissenschaftliche Unabhängigkeit, die mit eigenem Museumsstatut und eigenem Direktor selbstverständlich gewahrt blieb – vom KHM übernommen.

Die seit diesen Zeitpunkt wahrzunehmenden Agenden betrafen vor allem die längst notwendige Einrichtung eines Depots im Keller der Neuen Burg, die Umsiedlung der Büros in das Dachgeschoß, die Aussiedlung und Neueinrichtung der Bibliothek, die Einrichtung eines EDV-Raums und vor allem die Sanierung der Schauräume und Wiederinstandsetzung der historischen Schauvitrinen. Aus diesem Grund musste das Museum von 2004 bis 2007 größtenteils geschlossen werden.

Die in den fertiggestellten Ausstellungsräumen 2008 präsentierte „Tutanchamun“-Ausstellung konnte dann auf über 400.000 Besucher verweisen. Es war die am besten besuchte Ausstellung, die jemals im Völkerkundemuseum gezeigt wurde. Dass im selben Jahr auch der erste Teilabschnitt der ständigen Schausammlung eröffnet wurde – Götterwelten aus Südostasien – wird gern vergessen.

Nach einem erneuten vergeblichen Versuch, auch das Volkskundemuseum zu integrieren, kam es unter meiner Nachfolgerin nicht nur zu einer Neubenennung des VKM als Weltmuseum, was nicht nur ich als wenig glücklich empfinde, sondern auch zu einem Neustart. Unter den wichtigsten Museumsvorhaben der damaligen Bundesministerin Claudia Schmied – Einrichtung der Kunstkammer, Fertigstellung des 20er-Hauses, Literaturmuseum – bekam die Neugestaltung des VKM besondere Priorität und eine entsprechende großzügige Mittelzusage.

Während die drei erstgenannten Projekte dankenswerterweise verwirklicht wurden, bleibt nun das Weltmuseum auf der Strecke! Und warum? Es kann doch niemand ernsthaft der Meinung sein, dass die zu erwartenden Betriebskosten tatsächlich ein Projekt dieser Bedeutung und einem bereits budgetierten Mittelbedarf von 27 Millionen Euro zum Scheitern bringen würden!

Die seit 2008 nicht mehr angehobene Basisabgeltung der Museen reicht allerdings vorn und hinten nicht und bedarf dringend einer Aufbesserung, also einer Korrektur des Bundesmuseumsgesetzes, in dem die Basisabgeltung für alle Museen in einer Gesamtsumme festgeschrieben ist.

 

Worum geht es wirklich?

Falls es aber zu einer Redimensionierung kommen sollte, wie Staatssekretär Josef Ostermayer wünscht, gleichzeitig aber ein Raumsplitting der vorgesehenen Flächen zwischen VKM und einem Haus der Republik vorgesehen ist, erhebt sich schon die Frage, woher dann die Abgeltung der Betriebskosten kommen soll, wenn sie für das VKM nicht zur Verfügung steht.

Oder geht es hier nur um die Abwicklung eines alten, in sämtlichen Koalitionsvereinbarungen festgeschriebenen, aber nie verwirklichten Vorhabens eines Hauses der Geschichte, jetzt allerdings zulasten eines der bedeutendsten Völkerkundemuseen? Dann sollte man das auch in aller Öffentlichkeit bekennen und nicht eine im Gesamtzusammenhang lächerliche Summe von jährlich etwa zwei Millionen ins Treffen führen.

Und wenn in populistischen Medien der hier gezeigte Einsparungswille der Politik gelobt wird, vor allem mit Hinweis auf die geringe Besucherzahl dieses Museums, so wäre es Aufgabe einer verantwortlichen Museumspolitik, solchen Argumenten entgegenzutreten und ein klares Bekenntnis zu unserem so bedeutenden Kulturerbe zu leisten.

 

Keine Besuchermagneten

Es kann hier nicht um eine „Abstimmung über die Füße“ gehen beziehungsweise die Besucheranzahl zum Wertmaßstab der Förderung gemacht werden. Dann müssten viele bedeutende Kultureinrichtungen schließen – nicht nur in Wien, sondern die meisten Völkerkundemuseen in Europa, die – mit Ausnahme des Pariser Museums am Quai Branley, das aufgrund seiner Architektur einen Sonderfall darstellt – kaum nennenswerte Besucherzahlen aufweisen.

Bei meinem letzten Besuch im Berliner Völkerkundemuseum, das wohl noch bedeutender ist als das in Wien, war ich der einzige Besucher. Völkerkundemuseen „verkaufen“ sich eben heute schlechter als kunsthistorische oder archäologische Museen. Und da hilft auch keine noch so gut gemeinte Umbenennung wie in Wien oder zuletzt in München, wo das bisherige Museum für Völkerkunde vor ein paar Wochen in ein „Museum Fünf Kontinente“ umgetauft wurde.

Ethnologische Sammlungen können eben nicht mit dem Besucheransturm rechnen wie eine Gemäldegalerie oder eine Ägypten-Ausstellung. Deswegen sind ihre Sammlungen nicht weniger wertvoll! Gerade in einer von rasenden Veränderungen geprägten Welt bleiben die Sammlungen der ethnologischen Museen unverzichtbarer Bestandteil unserer Geschichte, Dokumente verlorener Welten.

 

Rückgrat für Hauptbahnhof

Noch ein Gedanke: Die Neue Burg ist weder für ein Völkerkundemuseum noch für ein Haus der Geschichte eine ideale Heimstätte. Wenn schon ein Neuanfang gesetzt werden soll, warum nicht an einem anderen Ort? Die leider durch den Wegfall des Wien-Museums geschwächte potenzielle Museumsachse, die vom unteren zum oberen Belvedere, zum 21er Haus und schließlich zum Heeresgeschichtlichen Museum im Arsenal führt, wäre mit dem Neubau eines oder mehrerer Museen gut bedient. Die angestrebte Stadterweiterung um den neuen Hauptbahnhof bekäme ein kulturelles Rückgrat.

Dazu brauchte es aber mehr Mut und Engagement, als eine von konzeptionslosen Einsparungsmaßnahmen und programmatischen Luftblasen bestimmte Kulturpolitik zu leisten imstande ist.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2014)

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