„Die ganze Not der Jugend wird an unsere Tür getragen“

Auch das gibt es in Österreich: eine Schule, in der vierzig Sprachen gesprochen werden und trotzdem ein friedliches Miteinander herrscht, wo Religion ein Pflicht- und Selbstverteidigung ein Freigegenstand ist.

In der bescheidenen Eingangshalle des Schulzentrums der „Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau“ in der Friesgasse im 15. Bezirk, die sich stolz „Foyer“ nennt, fällt einem sofort ein Schriftzug in die Augen, der sich über Wände, Stiegen und Gänge durchs ganze Haus zieht. Es ist das Wort „Frieden“ in insgesamt vierzig Sprachen. So viele Sprachen werden von den Schülern gesprochen. „Wir sind stolz darauf, dass hier Kinder und Jugendliche aus so vielen verschiedenen Kulturen und der unterschiedlichsten sozialen Herkunft gut und friedlich zusammenleben“, sagt Schwester Beatrix Mayrhofer, die Direktorin des Gymnasiums in der Friesgasse.

Das Schulzentrum bildet heute mit der Kirche und dem Haus für die derzeit noch 16 Schwestern einen ganzen Häuserblock. „Es begann 1860 mit vier Schwestern und sechzig Waisenkindern“, erzählt Schwester Beatrix. Heute sind es rund 1500 Kinder und Schüler in Kindergarten, Volksschule, Kooperativer Mittelschule (Schwester Beatrix nennt sie immer „Hauptschule“), Gymnasium, Handelsschule und Aufbaulehrgang. Dazu kommt die Nachmittagsbetreuung, die rund 600 Kinder in Anspruch nehmen.

Es ist nicht eine der „guten Gegenden“ von Wien, hier im Zwickel zwischen Äußerer Mariahilfer Straße, Gürtel und Sechshauserstraße. Das Haupteinzugsgebiet der Schule ist der 15. Bezirk, in dem es gleich nebenan auch ein öffentliches Gymnasium gibt, und der zwölfte Bezirk, aber auch die Bezirke entlang der U6. Kloster und Schule wurden auf einem ehemals adeligen Ansitz gegründet, der von seiner Eigentümerin den Schwestern geschenkt wurde, als mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert viele Arbeiter in diese Gegend zogen.

„Wir sind ein armes Viertel hier“, erklärt Schwester Beatrix, „und die Aufgabe unseres Ordens ist es auch, uns um arme Kinder zu kümmern“. Arme Kinder? Wer sind heute arme Kinder? In Wien, in Österreich? Sie erzählt ein Beispiel: „Fast jeden Tag erleben wir es, dass Kinder krank in die Schule kommen. Das sind oft dramatische Situationen. Wir können das Kind gar nicht nach Hause schicken, weil daheim ist niemand. Die Mutter traut sich nicht, vielleicht schon zum dritten Mal in dem Winter um Pflegeurlaub anzusuchen, weil sie Angst um ihren Job hat, und schickt das kranke Kind in die Schule.“

 

Morgenbetreuung ab 6.45 Uhr

„Wir bekommen die ganze Not der Zeit in die Schule getragen, aber unsere Kräfte reichen nicht aus, alle Kinder aufzufangen und zu betreuen“, meint Schwester Beatrix. Die Not der heutigen Gesellschaft sei vor allem die Not der Familie. Die Schule versucht, eine Antwort auf die sozialen Probleme zu geben: Sie bietet eine Morgenbetreuung ab 6.45 Uhr und ein Frühstücksbuffet an. „Das ist ganz wichtig, denn viele Kinder bekommen daheim kein Frühstück, wenn die Eltern etwa um sieben Uhr zu arbeiten anfangen.“

Die Schwestern machen sich Sorgen um die Zukunft ihres Werkes, wenn es eines Tages keine Ordensschwestern mehr gibt. Das Wort von den „teuren Privatschulen“ möchte Schwester Beatrix überhaupt nicht hören: In der Friesgasse kostet das Mittagessen 60 Euro pro Monat. So billig könne man aber nur sein, weil die Küche von einer Ordensfrau geleitet wird. Fiele sie aus, müsste man für sie drei Köche anstellen. Ihr eigenes Hofratsgehalt als Schulleiterin geht selbstverständlich auch in die gemeinsame Kasse.

Wenn Schwester Beatrix durch „ihr“ Gymnasium geht, an dem sie auch Philosophie und Religion unterrichtet, redet sie immer wieder Schüler mit ihrem Namen an, fragt sie etwas Persönliches. Sie kennt so gut wie alle. Es beginnt damit, dass sie sich bei der Einschreibung für jedes Kind und seine Eltern eine halbe Stunde Zeit nimmt. Da erfährt sie vieles über die Lebensumstände der Familie – wenn es denn überhaupt eine gibt.

 

Selbstverstümmelung nimmt zu

„Schule hat mit Menschen zu tun, da muss alles menschenwürdig sein“, meint Schwester Beatrix schlicht. Sie lässt die Menschen und ihre Not auch an sich heran. „Die größte Not ist wohl, dass so viele Kinder sich selbst überlassen und vereinsamt sind.“ Viele flüchteten in virtuelle Welten, „die ihnen realer als die reale erscheinen“, oder auch in die Selbstverstümmelung, die neuerdings „stark zunimmt“. Schwester Beatrix ärgert sich, wenn sie dann noch in Jugendzeitschriften Anleitungen zum „Ritzen“ lesen muss.

Die Friesgasse ist eine katholische Privatschule und bekennt sich zu einer religiösen Erziehung. Unter den Sonderangeboten in der Oberstufe findet sich der Firmunterricht als Freigegenstand „Einführung in christliche Lebenspraxis“ an erster Stelle. In der Schule gibt es eine Kapelle, die „stark frequentiert ist“. Es ist ein schlichter Raum, dem farbige Glasfenster eine meditative Aura verleihen. Einige Schüler stellen gerade für eine Gesprächsrunde die Hocker im Kreis auf.

Bei der Einschreibung verpflichten sich die Eltern dazu, dass das Kind den Religionsunterricht besucht. Wer ohne religiöses Bekenntnis ist, kann sich aussuchen, welchen er will, einer aber muss es sein. Zu Schulbeginn findet ein verpflichtender interreligiöser Gottesdienst in der Kirche statt. Im letzten Jahr wollten drei moslemische Schüler daran nicht teilnehmen, weil ihnen das im Ramadan nicht erlaubt sei. Der islamische Religionslehrer brachte schließlich heraus, dass die Buben das im afghanischen Fernsehen gehört hatten. Der Lehrer machte ihnen dann klar, dass die Ausrede nicht akzeptiert wird. Beatrix legt aus aktuellem Anlass Wert auf die Bemerkung, dass die islamischen Religionslehrer an ihrer Schule „gebildete Leute mit hohem Reflexionsniveau“ seien.

Eher überraschend kommt dann ihre Bemerkung, in der Schule selbst sei die „Integration kein Problem“. Die Probe aufs Exempel machen wir in der 4c-Klasse des Gymnasiums. Es ist eine Musterklasse in mehrerer Hinsicht. Dreißig Schüler sitzen auf engem Raum, mit der Physikprofessorin haben sie augenscheinlich ein sehr gutes Verhältnis. Wir fragen die Reihen nach der ethnischen Herkunft durch: „Österreich“, „Polen“, „Indien“, „Österreich“, „Bosnien“, „Burkina Faso“, „Iran-Österreich“, ...

So selbstverständlich und leicht, wie es in der 4c ausschaut, ist die kulturelle und sprachliche Pluralität natürlich keineswegs zu bewältigen: „Sprachförderung ist ein wichtiges Thema, vom Kindergarten bis zur AHS.“ Mehrere Lehrer haben deshalb die Qualifikation für den Unterricht von Deutsch als Fremdsprache.

Schwester Beatrix macht sich aber keine Illusionen: „Viele Kinder mit Migrationshintergrund sprechen nur in der Schule deutsch. Schon in der Pause und am Schulweg sprechen sie die Muttersprache und zuhause sowieso.“ Wie das Beispiel der drei Afghanen zeige, gebe es „viel Irritation und auch Isolation“.

 

Selbstverteidigung als Freifach

In der Liste der Freigegenstände für die Oberstufe findet sich zwischen Firmunterricht und Englisch-Olympiade auch „Selbstverteidigung“. Nicht ohne Grund. Einige Mädchen wurden kürzlich beim Sammeln für den Stephansdom am helllichten Tag von einer Mädchenbande überfallen. „Geholfen hat ihnen nur ein einziger Passant. Nebenbei bekamen die Mädchen auch noch den Kirchenfrust mancher Passanten ab.“

Wie hält es eine Schule, der das Soziale sehr wichtig ist, mit Leistung und Anforderungen? Schwester Beatrix: „Wir sind leistungsfreundlich und kinderfreundlich. Wer Kinder gern hat, muss sie etwas leisten lassen, und gute Schüler dürfen mehr in die Schule gehen.“ Auch die Schule selbst stellt einen höheren Anspruch an sich als der Durchschnitt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2009)

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