Gibt es in Wien kein Interesse mehr für Kulturen der Welt?

Zur Diskussion über eine „Redimensionierung“ des Weltmuseums.

Die von Bundesminister Josef Ostermayer verordnete „Redimensionierung“ trifft das Weltmuseum in doppelter Hinsicht hart. Zum einen, da diese Institution endlich auf dem Weg war, ihre international bedeutenden Sammlungen und die damit zusammenhängenden Themen in einer zeitgemäßen Form präsentieren zu können. Zum anderen wird das Museum plötzlich mit einer Diskussion konfrontiert, die zu seiner Zurückstufung führt, wie zuvor über Jahrzehnte das Museum für Völkerkunde.

Verständlich, dass international prominente Fachwissenschaftler ihre Verwunderung äußern: „Ich bin besorgt, dass ein ethnografisches Museum von Weltrang durch diese Maßnahme verschwinden könnte. Heute sind solche Museen unerlässlich, um Fragen kultureller Vielfalt zu vermitteln“, erklärte etwa Philippe Descola, Professor am Collège de France, Mitglied der British Academy und der American Academy of Arts and Sciences.

Sicher, lang war die Unsichtbarkeit des Museums hausgemacht. Abgesehen von der Direktion Etta Becker Donners (1955 bis 1975), die das Museum innovativ leitete, litt es bis Ende der 1990er-Jahre unter lethargischen Direktionen. Es implodierte 2001 mit seiner Unterordnung in den KHM-Museumsverband.

 

Versiegender Geldstrom

Nach der Umbauphase (2004 bis 2007) gab es kein Geld für die zeitgemäße Einrichtung seiner durch das KHM voreilig leergefegten Ausstellungsräume (4500m2). Das Museum für Völkerkunde war gezwungen, seine Aktivitäten auf knapp 1000m2 zu begrenzen. Darüber hinaus verfügt es bis heute über ein im internationalen Vergleich prekäres Ausstellungsbudget: 2014 waren es ca. 30.000Euro, das Musée du Quai Branly arbeitet mit jährlich mehr als fünf Millionen Euro!

Angesichts dieser anhaltenden desaströsen Situation können keine Besucherrekorde erzielt werden. Wie erfolgreich ein entsprechend ausgestattetes Gesellschaftsmuseum sein kann, zeigt etwa das 2013 in Marseille eröffnete Musée des Civilisations de l'Europe et de la Méditerranée: 1,8 Mio. Besucher in sieben Monaten.

 

Bundesmuseum par excellence

Dennoch realisierten die Kuratoren in dieser Zeit Ausstellungen, die internationale Anerkennung erfuhren. Um einige zu nennen, „Fetish Modernity“ (2012/3) war ein Gemeinschaftsprojekt von sechs europäischen Museen; „Naga – Schmuck und Asche“ (2012), wurde auch im Ruben Museum/New York gezeigt; „African Lace“ (2011) war eine Kooperation mit der National Commission for Museums and Monuments of Nigeria. Ebenso ist hervorzuheben, dass das Weltmuseum erfolgreich große EU-Projekte akquiriert.

Das Weltmuseum ist das Bundesmuseum schlechthin, welches sich mit Themen wie kulturellem Pluralismus auseinandersetzt, mit kulturellem Dialog, aber auch mit Kolonialismus. Das sind eminent wichtige Themen in einer vernetzten Weltordnung, die uns alle betreffen müssen!

Um seine Ausstellungen gestaltet das Weltmuseum daher weitere Aktivitäten und bezieht aktiv verschiedenste hier ansässige kulturelle Gemeinschaften mit ein. Letztere nutzen das Weltmuseum seit Jahren für ihre Veranstaltungen. Allein zum heurigen Fest des mexikanischen Dia de los Muertos kamen 4000 Gäste aus der lateinamerikanischen Gemeinschaft.

Wie kann ein solches Zentrum für die Kulturen der Welt, für dieses einzigartige Weltkulturerbe, in Österreich marginalisiert und der Vergessenheit zugeführt werden?

Thomas Fillitz ist Professor am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie/Universität Wien. Gastprofessuren u.a. an der Université Paris-Descartes-Sorbonne, von 2007–13 Sekretär der European Association of Social Anthropologists.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.12.2014)

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