Abendland und Morgenland im Niemandsland

Seit bald 25 Jahren ziehen Karawanen an Delegierten von Tagung zu Tagung mit christlich-islamischen Dialogen auf der Agenda. Politische Konflikte aber erfordern politische Lösungen – und nicht bloß interreligiösen Dialog.

Auslagern von Arbeit aus Kostengründen kennzeichnet die globalisierte Wirtschaft. „Outsourcing“ nennt sich das. Auch die Politik lagert ihre Aufgaben aus. Sie tut es, um Mittel zu sparen – oder angesichts eines Patts. Ein solches Patt sind die Baustellen in den religiös gemischten Gesellschaften. Hier soll der interreligiöse Dialog ein Dilemma lösen, das die Politik überfordert. Es verfestigt sich aber immer mehr der Eindruck, dass Abendland und Morgenland in einer Art Niemandsland dahinstolpern.

Im Zuge des Irak-Kriegs 1991, den Massakern auf dem Balkan und der von Samuel Huntington veröffentlichten These vom „Kampf der Kulturen“ propagierten einige Regierungen den Dialog. Als in Wien 1993 auf Initiative des Außenministeriums ein solcher stattfand, waren die Erwartungen hoch. Doch es trafen sich lediglich viele alte Herren in langen Gewändern hinter verschlossenen Türen.

 

Inflation der Dialoge

In der Folge kam die Dialogidee richtig in Mode. Ganze Dialogzentren, oft von zweifelhaftem Niveau, wurden von Alexandria bis Wien eröffnet. Die Unesco, die UN-Organisation für Erziehung und Kultur, heftete sich das Thema wie andere internationale Organisationen auf ihre Fähnchen. Aber wenig davon kam in der viel beschworenen Zivilgesellschaft an. Hier nahm dafür die Polarisierung im Namen von Jihad und Kreuzzug zu. Ausgerechnet 2001 wurde zum UN-Jahr des Dialogs der Zivilisationen. Nach dem 11. September wurde Huntington neu aufgelegt.

Seit bald 25 Jahren ziehen Karawanen an Delegierten von einer Tagung zum nächsten Workshop mit christlich-islamischen oder anderen interreligiösen Dialogen auf der Agenda. Mangels hierarchischer Spitzen in der sunnitischen Welt und unter den Protestanten ist der Dialog zwischen Vatikan und dem schiitischen Klerus der Islamischen Republik Iran meist der eigentliche.

Indes hat sich das Fach „interreligiöser Diplomatie“ entwickelt. Dabei warnte der Brite Harold Nicolson in seinem Grundsatzwerk „Diplomacy“ vor 80 Jahren vor Missionaren. Denn der „common sense“ human gesinnter Skeptiker, nicht aber die Religion habe die Diplomatie geschaffen.

Diese Dialogforen führen bedenklich zur Auslagerung ungelöster Konflikte, die vom Nahen Osten bis nach Bosnien und letztlich in die Vororte europäischer oder deutscher Städte reichen. Wir haben eine Inflation der Dialoge, doch all das überdeckt die ganz konkreten Kernfragen: Wo sind die Grenzen im Falle einer Zweistaatenlösung zwischen Israel und Palästina zu ziehen? Wie soll eine gemeinsame Armee in Bosnien und Herzegowina aussehen? Wie steht es um Landrechte im Sudan?

 

Generationenkonflikte toben

In den vergangenen Tagen marschierten demonstrativ versöhnt die Führer der Religionsgemeinschaften in ganz Europa, um ihr Bekenntnis zu Meinungsfreiheit und gegen Gewalt kundzutun. Doch bei allem zur Schau getragenen Konsens kracht es hörbar im Gebälk. Viele dieser Würdenträger werden von ihrer jeweiligen Gefolgschaft immer weniger ernst genommen. Es toben Generationenkonflikte, die Imame aber ebenso Bischöfe hilflos aussehen lassen.

Da der überalterte Kleriker mit Bauch und Glatze in der Limousine, dort die zornigen jungen Menschen auf den Straßen, die sich im Chatroom ihre Dogmen selbst stricken und mit den weltfremden Eliten nichts anzufangen wissen. Auch das erklärt den Zulauf, den Terrororganisationen – ob IS, al-Nusra oder al-Qaida – haben. Die jeweilige Kultusgemeinde muss dann kleinlaut zugeben, dass sie auf die jungen Radikalen gar keinen Einfluss hat, weil sie diese noch nie zu Gesicht bekommen hat.

Wen vertreten dann die geistlichen Führer? Und müssen sie sich überhaupt an politischen Konferenzen beteiligen oder diese gar ganz ersetzen? Viele bosnische Muslime möchten international von ihrem Außenminister und nicht vom Mufti von Sarajewo, Mustafa Cerić, vertreten werden. Sie sehen sich zunächst als Staatsbürger, nicht als Muslime.

 

Cäsars Macht und Gottes Macht

Auch die meisten säkular orientierten Juden und Muslime in Frankreich oder Deutschland möchten nicht in Sonderkategorien religiöser Gemeinschaften fallen, sondern schlicht Bürger ihrer Republik sein. Religion als Privatsache, die Loyalität zum Herrscher, wenn es um die Steuerleistung geht, findet sich wohl als Gedanke in einer Aussage des jüdischen Rabbis Jesus von Nazareth, als er von Cäsars Macht und Gottes Macht sprach.

Die Trennung von Politik und Religion war schon einmal klarer. Was wir heute erleben, ist nicht nur eine gewaltvolle Auseinandersetzung im Anspruch auf die eine absolute Wahrheit. Eine neue Verführbarkeit der Menschen, Religion und Politik zu vermengen, wenn säkulare Heilsversprechen versagen, beschäftigt nun auch die Sicherheitsbehörden.

„Die Rache Gottes“ lautet die deutsche Übersetzung eines Buches des französischen Soziologen Gilles Kepel, das er 1991 veröffentlichte. Es geht darin um die Rückeroberung der Welt durch extreme religiöse Strömungen. Der „Islam ist die Lösung“, lautet der wesentliche Slogan der Muslimbrüder, die in Ägypten aus vielen Gründen von der Macht verjagt wurden – wohl auch, weil die Menschen erkannten, dass die Frommen nichts auf den Weg brachten.

Joseph Ratzinger, der 2013 als Papst Benedikt XVI. zurücktrat, hat sich intensiv mit der Vernunft befasst. Seine Überzeugung ist, dass ein Glaube, der sich der Vernunft verschließt, in den Fundamentalismus abgleitet und nicht mehr gesprächsfähig ist. Er suchte den Mittelweg zwischen Erklärungsmodellen zur Welt in der Geistes- und in der Naturwissenschaft.

 

Wo bleibt Raif-Badawi-Forum?

Darum hatte dieser Theologe begriffen, dass Gott nicht die Antwort auf alle Probleme liefert. In der dritten Enzyklika schrieb er im Juli 2009 vom Erfordernis einer „dem Recht untergeordneten politischen Weltautorität“, um zu versuchen, die großen Probleme wie Arbeitslosigkeit und Gewalt zu lösen. Vielleicht ist das auch ein Argument dafür, dass religiöse Konferenztouristen sich bitte zurückziehen mögen.

Sympathisch ist die Initiative von Rabbi Shlomo Hofmeister und Imam Ramazan Demir, die aus Wien in den Nahen Osten reisen. Ihre Erlebnisse sind für das menschliche Miteinander hilfreicher als der Konferenzzirkus, der mit Steuern finanziert wird.

Das König-Abdullah-Dialog-Zentrum in Wien, ein fatales Erbstück der Ära von Michael Spindelegger als Außenminister, wäre im Rahmen des Rechts alsbald zu schließen. Schlauer wäre gewesen, zuvor über den Inhalt und nicht über die Versorgung für abgehalfterte Politiker nachzudenken.

Der saudiarabische Blogger Raif Badawi, der Islamkritik wagte, ist hingegen zu unterstützen. Wie wäre es mit einem Raif-Badawi-Forum, demnächst in Wien oder Paris? Mit diesem politischen „Backsourcing“ würden wir uns nicht im Niemandsland der interreligiösen Dialoge verlieren.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DIE AUTORIN



Karin Kneissl
(*1965 in Wien) studierte Jus und Arabistik in Wien. Sie war 1991/1992 Studentin an der ENA. 1990–1998: im diplomatischen Dienst, danach Lehrtätigkeit. Zahlreiche Publikationen, darunter: „Die Gewaltspirale. Warum Orient und Okzident nicht miteinander können“ (2007), „Mein Naher Osten“ (Braumüller, 2014). [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2015)

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