Wie ich eine Männin wurde oder: Ich gendere mich selbst

Wie wir die grauenhafte Schrägstrichsafari künftig vermeiden könnten.

Was ich vom Gendern (manche/manchinnen sagen: Genderwahn/Genderwahnin) halte, fragen mich meine Leserinnen. Nun also: Jahrtausendelang haben die Männer die Frauen unterdrückt, als Wesen zweiter Klasse behandelt (auch angebetet), politisch, militärisch, literarisch die Welt verpestet... und das haben sie jetzt davon! „Verba tene, res sequentur!“, rufen die Feministinnen und Lateinerinnen, und ich gebe Ihnen schon recht: Gleichbehandlung!

Gendern wir also aus ethischen Gründen, ladies and donne, dass sich die Balken biegen. Da! Schon wieder erwische ich die Sprache (f.) dabei, wie sie Erzeugergewalt (f.) ausübt: Die Balken biegen sich ja wirklich! Leider schauen viele Gendertexte vor lauter Schrägstrichen aus wie der Schneebruch am Kreuzbergl am Winterende... Zum Stolpern, Zungebrechen, Haxenbrechen.

Da freut man sich ja schon richtig darauf, dass in 100 Jahren English common sense und common speach sein wird. Kein Gendern mehr, denn da gibt's keine readerinnen and readers, keine workerinnen und workers, auch keine teacherinnen and teachers, von den bescheuerten daughtersons ganz zu schweigen: So durchgeknallt sind nicht einmal die durchgeknallten Briten! Allerdings: Dass im Englischen man (Mann) und man (Mensch) Synonyme sind, ist erschütternd. I have a dream that all men will be equal: eine Sauerei, sprachlich betrachtet. Deshalb: Time out für Anglizismen!

 

In der Hölle des Gutgemeinten

Das Problem ist: Wir leben heute in der Hölle des Gutgemeinten, in einer inhaltsleeren Bevormundungsgesellschaft, Vorschriftsgesellschaft, Verbotsgesellschaft, in einem geradezu Metternich'schen Sprachpolizeistaat, in der alle essenziellen Regeln des Zusammenlebens desavouiert und abgeschafft sind, umgekehrt alles und jedes, jeder Furz und jede Fürzin reglementiert ist und keine freien Entscheidungen mehr möglich sind. Bald wird man ein Formular ausfüllen müssen, wenn man die Straße überqueren will (und im Rahmen dieses Projekts auch beschreiben, was man damit zur Gleichstellung der Geschlechter beiträgt ... und alle, die sich weigern, sind dann rechtsextrem und unerwünscht).

 

Nur noch Töchter! Basta!

Zur Vermeidung der grauenhaften Schrägstrichsafari schlage ich als kleines Opfer vor: Streichen wir einfach alle männlichen Formen aus der Sprache! Ist doch wurscht (f.?), liebe Schwesterinnen und Exbrüder! Aus der Hymne streichen wir das superdusslige Wortungeheuer TöchterSöhne und lassen nur noch die Töchter drin, basta! Dass sich der Vers dann nicht mehr reimt, erfüllt mich mit diebischer Freude (Reim, der, m., weg damit!) Hauruck, Sprachgroßputz! Wenn's vor allem den (muslimischen) Frauen dank des Genderns besser geht: Wunderbar!

Mich, Bundesobmann der DPÖ (Dekadenzpartei Österreichs) ficht das nicht an: Ich habe ohnehin keine Lust mehr, ein Mann zu sein. Diese Rollenzwänge! Dieser Must-und-No-Go-Spießrutenlauf! Müllraustragen, Reifenwechsel! Frauen verstehen! Entsorgen! Besorgen! Aber ohne mich! Glattauerbronson geht nach Hause. Ich trete hiermit als Mann zurück.

Auch im Sprachgeschlechterkampf gilt, was Walter Serner geraten hat: „Kämpfe nie. Ermüde!“ Ich ziehe mir ein Abendkleid an, lasse mir einen Vollbart wachsen, verstelle meine Stimme und arbeite als Männerversteherin. Ab sofort bin ich Männin! Wenn jetzt irgendwer/in Blödsinn nuschelt, rufe ich ihm zu: Toleranz! Und: Klappe halten! Ich, Egydia Gstättnerova, Diva m.b.H., setze hier ein Zeichen!

 

Egyd Gstättner (*1962) studierte Germanistik und Philosophie. Er ist Schriftsteller und Essayist. Sein neuester Roman: „Am Fuß des Wörthersees. Neue Nachrichten aus der Provinz“ (Picus Verlag).

 

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2015)

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