Das etwas andere Geschäft mit dem Krieg

Die Expertise von NGOs und selbst ernannten Experten ist in Mode, und eine solche ist Deradikalisierung. Dabei gäbe es solides Wissen. Die Politik müsste dieses nur einsetzen, statt von einem Hype zum nächsten zu hetzen.

Den vielen Middle East Institutes an amerikanischen Universitäten verschafften die Anschläge vom 11.September eine unerwartete Flut an Inskriptionen im Wintersemester 2001. Junge US-Amerikaner wollten wissen, was im Nahen Osten los war. Zu diesem Zwecke begannen Zehntausende, Arabisch zu studieren. Die wenigsten freilich erlernten die Sprache.

In Wien hatte kurz zuvor der damalige Finanzminister, Karl-Heinz Grasser, unter Beifall des regierenden Kabinetts unter Wolfgang Schüssel öffentlich starke Zweifel an „Orchideenfächern“ wie Arabistik kundgetan. Westliche Nachrichtendienste bemühten sich allerdings schon damals wie heute intensiv, Arabisch sprechende Analysten zu rekrutieren. All dies nur mit mäßigem Erfolg.

 

Das Dilemma der Spione

Waren die Briten einst stolz auf ihre Orientalisten, die als Diplomaten oder Spione wirkten, grassiert heute Fremdsprachenarmut, nicht nur in London. Mehr als einmal sickerte durch, dass beinahe Mitglieder des Terrornetzwerks al-Qaida als Mitarbeiter für den Dienst Ihrer Majestät rekrutiert worden wären. Es war eine von vielen Peinlichkeiten im „Krieg gegen den Terror“.

Weil es so mühsam ist, wirklich gute Expertise zu erwerben, sind Geheimdienste verständlicherweise mit der Weitergabe von Informationen an andere Dienste geizig. Reziprozität ist der Motor, es ist ein Geben und Nehmen von Hinweisen. Daran krankt die gesamte Kooperation innerhalb der EU auf diesem Gebiet. Jene, die in profunde Expertise investieren, wollen die Ergebnisse harter Arbeit nicht mit Partnerdiensten teilen, die eher tollpatschig vorgehen.

Nun schrecken auch noch die spanischen Nachrichtendienste, die zu den besser informierten über die Vorgänge in Nordafrika und im Nahen Osten zählen, ihre Kollegen auf, dass nicht 5000 Europäer in den Reihen der IS-Jihadisten kämpften, sondern sich über 30.000 Terroristen mit europäischen Pässen im Nahen Osten aufhielten. Gelder und Aufträge kommen oft aus dem arabischen Golf. Diese Regierungen sind in die Pflicht zu nehmen.

Robert Baer, einst Verantwortlicher des US-Auslandsgeheimdienstes CIA für die Region, beschreibt in seinem Buch „Im Bett mit dem Teufel – wie wir unsere Seele für saudisches Öl verkauften“ 2003 deutlich, wie oft Nachforschungen auf Druck des Weißen Hauses eingestellt werden mussten, weil die Spuren in den Dunstkreis des saudischen Königshauses zeigten. Einer der Attentäter vom 11.September 2001 hat diese Saudi-Connection vor einigen Tagen in einem Brief neuerlich bestätigt. Doch niemand traut sich, diese heißen Eisen anzugreifen.

Solides Wissen lässt sich zudem nicht in Crashkursen erwerben, sondern erfordert jahrelanges Studium und Praxis. Wenn aber Universitäten stark von privaten Spendern abhängen, dann leidet darunter der Lehrplan.

 

Politische Agenda statt Lehre

Ich habe dies an der US-Universität Georgetown 1989 als Stipendiatin persönlich erlebt, wo am dortigen Lehrstuhl für arabische Studien der politische Islam nicht auf dem Lehrplan stand, da die Stiftungsgelder aus dem Golf kamen. Am verstaubten Arabistik-Institut in Wien war das Lehrangebot pluralistischer. Wir debattierten den Aufstieg des Islamismus und seine Folgen, während in Washington noch arabischer Nationalismus der 1960er-Jahre im Stile des Kalten Kriegs unterrichtet wurde. Die CIA wirbt teils direkt in Georgetown ihre Analytiker an, doch viele sprechen weder die Sprache ihres Spezialgebiets noch sind sie je zuvor dort gewesen. Entsprechend groß ist der Katzenjammer, wenn solide Diagnose erforderlich ist.

Der Islamische Staat bzw. sein Vorläufer Daech, wie das arabische Akronym lautet, ist nicht vom Himmel gefallen. Bloß fiel seit 2012 kaum jemandem im Westen dessen kriegerische Expansion auf, auch nicht den 9000 Mitarbeitern an der US-Botschaft Bagdad.

Anthropologen und andere Geisteswissenschaftler wurden von Afghanistan bis Ägypten – ob „embedded“ in der Armee oder als NGO-Mitarbeiter – von westlichen Regierungen eingesetzt. Bloß ist ihre Agenda politisch.

 

Die NGOs und Kriegsgewinnler

Im Windschatten des Kalifats und der jüngsten Anschläge in Europa wächst ein Kohortee an NGOs wie Schwammerln aus dem Boden: jene für Deradikalisierung mit Fokus auf Islam. Dieser Tage lädt die US-Regierung gerade zu einer Konferenz gegen Extremismus nach Washington, deren Agenda die politische Hilflosigkeit reflektiert.

Beamte sind dankbar, wenn sie Arbeit auslagern können. Dies trifft angesichts des Jihadismus auf die Ressorts für Inneres und Unterricht zu. Die „Deradikalisierungsexperten“ sind die neuen Darlings. Kurioserweise auch jene Experten, die noch 2003 laut nach der Bombardierung des Irak riefen und die „humanitäre Intervention“ der Nato in Libyen ganz toll fanden, offenbar in völliger Unkenntnis der Folgen dieses Krieges: kriegsgeil, um dann zu Profiteuren werden.

Die Herren Karl, die auf der richtigen Seite mitlaufen und mitnaschen, sind Zeitgenossen, die Helmut Qualtinger unerbittlich für seine Epoche vorführte. Jede Zeit kennt sie. Die Geschäftstüchtigen unter ihnen gründen sich heute eine NGO und ziehen Aufträge der überforderten Ministerien an Land. Bloß sollten jene im öffentlichen Dienst über das Entscheidungsvermögen verfügen, um zu verstehen, wer die geeigneten Partner sein könnten. Dabei wären die innenpolitischen Hebel woanders in Bewegung zu setzen, etwa in den Gefängnissen. Auch hier gibt es Juristen und Fachkräfte, die wissen, wovon sie sprechen, da sie den Druck auf Gefangene seitens anderer inhaftierter radikaler Muslime kennen. Ihnen sollte man zuhören, und ihre Projekte sollte man fördern.

 

Geschichte als Lehrmeisterin

Eine Strategie für Schulen ist wiederum eine völlig andere. Die aktuellen Hüftschüsse des Innenministeriums werden diese Malaise nicht lösen. IT-Experten, gerade solche, die Videogames und deren Abänderungen durch den Spieler verstehen, sind essenziell. Es ist eine Wissenschaft für sich, was sich in der Spielerszene und ebenso unter Rappern abspielt. Der reine Techniker ist aber auf verlorenem Posten, wenn er nichts von den gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen weiß.

Der syrische Journalist Hassan Hassan erklärt in seinem Buch „Isis – Inside the Army of Terror“, warum der IS funktioniert: weil er auch bestehende Strukturen übernimmt. Die Jhihadisten verhalten sich nicht anders als die Mongolen. Deren Herrschaftsbereich verband im 13.Jahrhundert Europa mit Asien. Vielleicht sollte man jene Epoche wieder studieren, um unsere Gegenwart besser zu verstehen.

Die Geschichte ist eine gute Lehrmeisterin, nur ihre Schüler passen nicht auf. Vielmehr empört sich die Twitteria, weil sie immer gleich weiß, wer die Guten und wer die Bösen sind. Um Qualtinger nochmals zu bemühen: Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DIE AUTORIN



Karin Kneissl
(geb. 1965 in Wien) studierte Jus und Arabistik in Wien. Sie war 1991/1992 Studentin an der ENA. 1990 bis 1998 im diplomatischen Dienst, danach Lehrtätigkeit. Zahlreiche Publikationen, u.a.: „Die Gewaltspirale. Warum Orient und Okzident nicht miteinander können“ (2007), „Mein Naher Osten“ (Braumüller 2014). [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2015)

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