Die unfairen Buhrufe für Polina Gagarina in der Stadthalle

Es ist nicht in, Russin/Russe zu sein. Aber Russland = nicht gleich Putin.

Kürzlich, beim als Feelgood-Tralala getarnten Spiegel europäischer Befindlichkeiten, genannt Song Contest, warfen wohl nicht nur die Stimmen aus der russischen Diaspora und den Russland-nahen Staaten die Kandidatin Polina Gagarina weit nach vorn im Ranking: Der Song muss gefallen haben (die Frau auch).

Wurden jedoch von den zugeschalteten TV-Stationen entsprechend hohe Punktezahlen durchgegeben, waren so deutliche Buhrufe in der Wiener Stadthalle zu hören, dass ausdrücklich zur Fairness aufgerufen wurde. Es ist gerade nicht in Mode, Russe zu sein.

Befremden ist tatsächlich die erste Emotion beim Sichten der Nachrichten, die es jüngst aus dem größten Land der Erde nach Europa schafften – nicht zuletzt die kürzlich ausgesprochene Reisewarnung für Russen mit dem Hinweis auf mögliche Entführungen durch den US-Geheimdienst CIA.

Befremden der Mitteleuropäerin auch vor Ort. Die Feierlichkeiten zum Tag des Sieges über Hitler-Deutschland haben inzwischen eine Ästhetik hervorgebracht, die bei einem österreichisch geprägten Gemüt nicht gut ankommen: Panzer zeichnende Volksschulbuben in Uniform, eine Jugendtanzgruppe, die „den Krieg“ tanzt, inklusive Holzgewehren.

 

Die andere Seite

Und doch gibt es nach wie vor immer noch die andere Seite als die offizielle: Das reicht vom Interview mit Solschenizyns Witwe, die von den gern verschwiegenen Umständen des besungenen Sieges berichtet (unter anderem von den früheren Kriegsgefangenen, die, aus Deutschland heimkehrend, direkt in den Gulag weitergeleitet wurden), bis zum Bericht über den staatlichen Aids-Experten, der vor einer Katastrophe warnt, verstärkte Sexualaufklärung empfiehlt – und zum Dank einen Rüffel des Gesundheitsministeriums einsteckt.

Bei Sichtung der Medien fallen auch Berichte über Entlassungen von Journalistinnen auf, weil sie über eine tschetschenische Zwangshochzeit von Kadyrows Gnaden kritisch berichtet haben, oder weil sie von einer „Weisung Moskaus“ im Zusammenhang mit der Verhinderung einer Ausstellung in Jekaterinburg schreiben. Die Konsulate der USA und Großbritanniens hatten sie mitfinanziert, es ging um die Darstellung der alliierten Kooperation beim Sieg über Nazi-Deutschland. Technische Ursachen, lautete die offizielle Begründung für die Sperre.

 

Eine gespaltene Gesellschaft

Es fällt aber auch auf, dass ziemlich ehrlich berichtet wird – und nicht nur von als oppositionell eingestuften Blättern. Inmitten einer Atmosphäre, in der durchaus spürbar ist, dass hier andere Parameter gelten und viele im Zweifelsfall schweigen, sticht außerdem der Diskussionswille von Privatpersonen hervor, die sich offen äußern – und das nicht nur am Küchentisch.

Der Unterschied zur Gesellschaft der EU-Staaten ist die absurd große Distanz, die zwischen den Handlungen der Regierung und jenen liegt, die gegensätzliche Meinungen artikulieren. Es gibt keinerlei Berührungspunkte oder Versuche, einen Dialog zu führen. Es liegt also nahe, von einer Spaltung der Gesellschaft zu sprechen.

Auf jeden Fall ist es abzulehnen, dass russische Staatsbürgerinnen und -bürger pauschal zu spüren bekommen, dass der Westen ihre Regierung ablehnt. Sie sind nicht ihre Regierung. Der Sieg beim Song Contest wäre Polina Gagarina zu wünschen gewesen: Die Fangemeinde wäre nächstes Jahr nach Russland gepilgert und hätte eigene Erfahrungen gemacht. Es gibt genug zu entdecken in diesem schönen Land – gerade auch offene Gesprächspartner.

Katharina Tiwald (*1979 in Wiener Neustadt) studierte Sprachwissenschaft und Russisch in Wien, Sankt Petersburg und Glasgow. Sie ist Lehrbeauftragte an der Uni, Lehrerin und freie Schriftstellerin.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2015)

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